Die Architektur Weimars
Über diesen Ort
Weimars Straßen sind eine fortlaufende Architekturstunde: eine Pilgerkirche, erstmals geweiht 1168,[1] Renaissancegiebel, Barock und Klassizismus des Hofes, Gründerzeitviertel, van de Veldes Jugendstil, das Bauhaus — und am anderen Ende der Geschichte der Museumskubus von 2019.[2] Und alles liegt in einem Spaziergang.
Die mittelalterliche Stadt, 1168–1500
Die älteste Schicht überlebt in Bruchstücken, die ein Spaziergang aneinanderreiht. Auf dem Jakobshügel wurde 1168 eine erste Kirche für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela geweiht.[1] Der Kasseturm am heutigen Goetheplatz ist ein Überbleibsel der Stadtbefestigung, errichtet im 15. Jahrhundert.[3] 1424 vernichtete ein verheerendes Feuer große Teile der Häuser, der Burg, der Stadtkirche und des Rathauses,[4] und die Stadtkirche, die danach entstand — die spätgotische dreischiffige Halle von 1498–1500 über einem Vorgängerbau von 1245–1249 — ist der eine mittelalterliche Innenraum, in dem man heute noch stehen kann.[5]
Renaissancegiebel am Markt, 1547–1618
Die Ostseite des Marktes ist Frührenaissance in ihrer lesbarsten Form: das Cranachhaus, 1547–1549 als Doppelhaus erbaut, zählt mit seinen Zwerchgiebeln, Gesimsen, Lisenen und Bogenportalen zur klassischen deutschen Renaissance — Lucas Cranach der Ältere wohnte und arbeitete im linken Haus bis zu seinem Tod 1553.[6] Auch die Burg brannte 1424 und kehrte als Renaissanceschloss Hornstein zurück, das bis zum nächsten großen Brand 1618 stand.[7]
Der Hof baut: Barock und Klassizismus, 1712–1803
Das Bau-Jahrhundert der Herzöge beginnt an der Jakobskirche: Die baufällige Pilgerkirche wurde 1712/13 abgerissen, Herzog Wilhelm Ernst veranlasste den barocken Neubau; 1728 wurde er Garnisonskirche und — nachdem 1774 die Schlosskapelle mit dem Schloss verbrannt war — Hofkirche.[1] Das Wittumspalais am Theaterplatz, Witwensitz der Herzogin Anna Amalia, trägt das städtische Gesicht des Hofes jener Jahrzehnte; das wiederaufgebaute Stadtschloss und die Gartenbauten der Parks tragen seinen Klassizismus.
Die Stadt der Klassiker, 1775–1832
Das Weimar, für das die meisten kommen, ist nicht schlossgroß, sondern bürgerlich: die barocken Bürgerhäuser, in denen Goethe und Schiller wohnten und arbeiteten, die schlichten Straßen dazwischen, und unterhalb der Stadt der Park an der Ilm mit seiner Gartenarchitektur. Das Maß der klassischen Stadt ist, dass ihre berühmtesten Adressen gewöhnliche Häuser sind — außergewöhnlich durch ihre Bewohner.
Gründerzeit und Historismus, 1870er–1908
Das 19. Jahrhundert legte einen Gürtel selbstbewusster neuer Straßen um die Altstadt. Westlich des Theaterplatzes zeigen die Viertel an Dingelstedt- und Hummelstraße die Spannweite — stuckverzierte Eckpalais mit Geranienbalkonen, Villen in Steinstreifen. Und das Jahrhundert baute in allen geliehenen Stilen zugleich: Die katholische Herz-Jesu-Kirche von 1891 ist innen gotisch, außen italienische Renaissance, Kuppel und Glockenturm nach dem Vorbild des Doms von Florenz.[8]
Van de Veldes Jugendstil, 1901–1911
Henry van de Velde baute vor dem Ersten Weltkrieg die Schulgebäude, in denen später das Bauhaus arbeitete — weshalb die Gründungsadresse des Bauhauses ein Stück Jugendstilarchitektur ist.[9] In denselben Jahren bekamen die Villenviertel ihre Jugendstilhäuser.
Das Bauhaus und seine Bauten, 1919–1996
Am 1. April 1919 übernahm Walter Gropius die Kunsthochschule und vereinigte sie am 12. April mit van de Veldes Kunstgewerbeschule zum Staatlichen Bauhaus.[9] Das eine gebaute Manifest der Schule in Weimar ist das Haus Am Horn, das Musterhaus der Ausstellung von 1923; van de Veldes beide Schulbauten und das Haus Am Horn sind seit 1996 UNESCO-Welterbe.[10]
Die schwere Schicht, 1937–1945
Nördlich des Zentrums steht das größte und dunkelste Ensemble: das Gauforum. Am 1. Mai 1937 legte Rudolf Heß den Grundstein der geplanten Halle der Volksgemeinschaft — ein Saal für 20.000, ein Glockenturm, die Ämter von Reichsstatthalter und Gauleitung; bei den Bauarbeiten wurden Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt.[11] Es ist das einzige weitgehend gebaute Gauforum, und die Stadt hat es als Beweisstück stehen lassen.
Wiederaufgebaut und neu, 1996–2019
Die jüngste Schicht ist der Umbau zur Kulturstadt. Das Goethekaufhaus entstand bis 1996 an einer Theaterplatz-Ecke, an der seit 1896 gehandelt wird;[12] der Glasteil des Schillerkaufhauses folgte im Kulturstadtjahr 1999 nach Entwurf des Büros Tietz;[13] 2005 eröffnete das Weimar Atrium in der unvollendet gebliebenen Halle der Volksgemeinschaft — die schwerste Hülle der Stadt im Alltagsgebrauch.[14] Und im April 2019, zum Bauhaus-Jubiläum, eröffnete die Klassik Stiftung das Bauhaus-Museum: ein bewusst schlichter Kubus, der den Kreis schließt, den die Pilgerkirche von 1168 öffnet.[2]
Was Besucher fragen
- Was ist das älteste Gebäude Weimars?
- Der älteste belegte Ort ist der der Jakobskirche: 1168 wurde dort eine Pilgerkirche geweiht; die heutige barocke Kirche ist von 1712/13.[1] Der älteste begehbare Innenraum ist die Stadtkirche, die spätgotische Halle von 1498–1500.[5]
- Welche Bauten sind UNESCO-Welterbe?
- Zwei Ensembles: das Klassische Weimar (die Schlösser, Häuser und der Park der klassischen Jahrzehnte, eingeschrieben 1998) und die Bauhaus-Stätten — van de Veldes beide Schulbauten und das Haus Am Horn, eingeschrieben 1996.[10]
- Wo sieht man Bauhaus-Architektur in Weimar?
- Am Haus Am Horn — dem Musterhaus von 1923 und einzigen Bauhaus-Gebäude Weimars —, an van de Veldes Schulbauten, in denen die Schule arbeitete, und in der Sammlung des Bauhaus-Museums von 2019.[2]
- Was ist das Gauforum?
- Das 1937 begonnene Parteiforum des Nationalsozialismus — das einzige weitgehend gebaute seiner Art. Beim Bau wurden Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt; heute hält seine unvollendete Halle das Weimar Atrium, und das Ensemble steht als Beweisstück.[11]
Quellen
- Jakobskirche — Kirchenkreis Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Bauhaus Museum Weimar — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Kasseturm — Weimar-Lese, abgerufen am 29. August 2026
- Weimar-Chronik kompakt — Stadt Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) — Kirchenkreis Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Cranachhaus — Weimar-Lese, abgerufen am 29. August 2026
- Stadtschloss Weimar — Geschichte — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Herz-Jesu-Kirche (Weimar) — Wikipedia, abgerufen am 31. August 2026
- Das Bauhaus in Weimar — Bauhaus Kooperation, abgerufen am 29. August 2026
- Hauptgebäude — Bauhaus-Universität Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Gauforum — weimar-im-ns.de, abgerufen am 29. August 2026
- Goethekaufhaus — Wikipedia, abgerufen am 31. August 2026
- Schillerkaufhaus — Wikipedia, abgerufen am 31. August 2026
- Weimar Atrium — Wikipedia, abgerufen am 31. August 2026
Besuchsinformationen
In Weimars Geschichte
Artikel
Weimars Jugendstil ist ein Stil der Wohnhäuser: die Villenstraßen westlich und südlich der Altstadt, gebaut zwischen den 1890er Jahren und 1914, mit den Fassaden Rudolf Zapfes und den eigenen Bauten Henry van de Veldes.
Der lange Text, der die Jugendstil-Villen Straße für Straße abgeht.