Weimars Weg durch die Geschichte

Von den mittelalterlichen Anfängen bis in die Gegenwart: acht Epochen, die Weimar zu der Kulturstadt gemacht haben, die wir heute kennen. Jede Zeit brachte bemerkenswerte Persönlichkeiten und Umbrüche hervor, die bis heute nachwirken.

Mittelalterliche Anfänge Weimars

9491525

Weimars Wurzeln reichen ins frühe Mittelalter zurück. 949 wird die Siedlung erstmals als Wimares erwähnt, Sitz der Grafen von Weimar. Sie wuchs um eine Burg und um Kirchen und entwickelte sich bis ins 13. Jahrhundert zu einer kleinen Stadt. 1346 fiel die Region an die Wettiner, was das städtische Wachstum förderte; im 15. Jahrhundert erhielt Weimar Rathaus und Markt. Abseits der großen Handelswege gelegen, erweiterte die Stadt ihre Mauern und ihre Infrastruktur nur langsam. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war Weimar eine etablierte herzogliche Stadt in Thüringen. Seine Bedeutung war regional: Es versorgte die umliegende Landwirtschaft, beherbergte Handwerkszünfte und war Sitz der Grafschaft Weimar-Orlamünde. Nach dem Thüringer Grafenkrieg (1342–1346) gliederten die Wettiner Weimar in ihr Territorium ein, hoben die Leibeigenschaft auf und gewährten der Stadt Rechte, die bescheidenen Wohlstand brachten. In dieser Zeit entstand die gotische Stadtkirche St. Peter und Paul (fertiggestellt um 1500), dazu Befestigungen wie der Kasseturm. Das mittelalterliche Weimar blieb klein und stand im Schatten von Erfurt und Jena — es legte aber den Grund für die spätere kulturelle Bedeutung. Sein mittelalterliches Erbe ist in Mauerresten und im Grundriss der Altstadt bis heute sichtbar.

Reformation und herzogliche Zeit

15251775

Die Reformation veränderte Weimar vom 16. Jahrhundert an grundlegend. 1525 wurde das Luthertum eingeführt; Martin Luther selbst war mehrfach in Weimar zu Gast. Nachdem der ernestinische Herzog Johann Friedrich I. („der Großmütige“) 1547 unterlegen war, machte er Weimar nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft 1552 zur Hauptstadt seines verkleinerten Territoriums. Für Jahrhunderte blieb Weimar herzogliche Residenz von Sachsen-Weimar. Unter herzoglicher Förderung erlebte die Stadt eine Blüte: Neue Schlösser und Gärten entstanden, darunter die frühen Bauphasen des Stadtschlosses und Renaissance-Bürgerhäuser rund um den Markt. Das 17. Jahrhundert brachte Rückschläge — etwa den Dreißigjährigen Krieg — und wirtschaftlichen Niedergang; im frühen 18. Jahrhundert erholte sich Weimar als absolutistische Residenz. Von 1708 bis 1717 wirkte Johann Sebastian Bach hier als Hoforganist und komponierte zahlreiche Werke. Die Regentschaft der Herzogin Anna Amalia (1758–1775) brachte die Aufklärung nach Weimar: Sie holte Dichter an den Hof und ließ die Herzogin Anna Amalia Bibliothek einrichten (1766). Am Ende des 18. Jahrhunderts stand die Stadt an der Schwelle zu ihrem goldenen Zeitalter. Religiöser Wandel und herzogliche Konsolidierung legten den Grund für Weimars Aufstieg zum Zentrum des deutschen Geisteslebens.

Weimarer Klassik

17751832

Als Weimarer Klassik bezeichnet man die Blüte von Literatur und Kultur im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Sie begann 1775, als der junge Herzog Carl August Johann Wolfgang von Goethe nach Weimar holte. Goethe traf hier auf Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland und später Friedrich Schiller — gemeinsam machten sie aus dem Hof ein geistiges Zentrum. Unter der aufgeklärten Förderung von Herzogin Anna Amalia und Herzog Carl August wurde Weimar zum Inbegriff humanistischer Werte, klassischer Kunst und literarischer Leistung. In dieser Zeit entstanden Werke von bleibender Bedeutung — Goethes „Faust“, Schillers „Wilhelm Tell“ —, und zusammen mit Herder und Wieland begründeten sie eine neue deutsche Kultur auf den Idealen der Aufklärung. Die kleine Stadt hatte Salons, ein Theater (ab 1791 unter Goethes Leitung) und ein reges Kunstleben. Auch Architektur und Landschaft gehörten dazu: Goethe wirkte an der Gestaltung des Parks an der Ilm und am klassizistischen Umbau des Stadtschlosses mit. Ihren Höhepunkt erreichte die Weimarer Klassik um 1800 — sinnbildlich in der Freundschaft von Goethe und Schiller (1794–1805) — und sie endete mit Goethes Tod 1832. Ihr kulturelles Erbe reicht weit über die Stadt hinaus; die UNESCO würdigte es später als „Klassisches Weimar“.

Bedeutende Persönlichkeiten

Das Bauhaus in Weimar (1919–1925)

19191925

Weimar war die Wiege des Bauhauses, jener revolutionären Schule für Kunst, Gestaltung und Architektur. Nach dem Ersten Weltkrieg führte der Architekt Walter Gropius die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule und die Kunstgewerbeschule zusammen und gründete 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar. Es vereinte Maler, Gestalter und Handwerker mit dem radikalen Ziel, Kunst und funktionale Gestaltung zusammenzuführen. In den Weimarer Jahren (1919–1925) lehrten hier Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger und Johannes Itten, die einen Lehrplan aus avantgardistischer Kunsttheorie und praktischer Werkstattarbeit entwickelten. Studierende und Meister arbeiteten gemeinsam an Keramik, Möbeln, Grafik und Architektur. Zu den wichtigsten Projekten zählt das Haus am Horn, das Musterhaus der Bauhaus-Ausstellung von 1923, das den Grundsatz der Form aus der Funktion vorführte. Trotz seiner Schaffenskraft stand das Bauhaus unter politischem Druck konservativer Kräfte in Thüringen; 1924 wurden die Mittel gekürzt. 1925 zog es nach Dessau — das Weimarer Kapitel war beendet. So kurz es war, es prägte Kunst und Gestaltung des 20. Jahrhunderts grundlegend und machte Weimar zu einem Ort der Moderne, heute Teil des UNESCO-Welterbes.

Bedeutende Persönlichkeiten

Zeit der Weimarer Republik

19181933

Die Stadt Weimar gab der Weimarer Republik ihren Namen — Deutschlands demokratischem Versuch zwischen Erstem Weltkrieg und NS-Diktatur. Im November 1918 brach die Monarchie zusammen; Anfang 1919 wählte man Weimar als ruhigen, zentral gelegenen Ort für die Nationalversammlung, die eine neue Verfassung erarbeitete. Im August 1919 wurde die „Weimarer Verfassung“ im Deutschen Nationaltheater unterzeichnet — seither steht der Stadtname für die erste deutsche Republik. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wurde ihr erster Reichspräsident. Die Jahre waren von politischen Erschütterungen geprägt, aber auch von kultureller Innovation. Als Hauptstadt des 1920 gebildeten Landes Thüringen erlebte Weimar den Kampf zwischen fortschrittlichen und reaktionären Kräften. Moderne Künstler und Intellektuelle — etwa am 1919 gegründeten Bauhaus — konnten unter zunächst linken Regierungen wirken, während völkische Kräfte erstarkten. Ende der 1920er Jahre gewann das rechte Lager in Thüringen die Oberhand: 1926 fand in Weimar ein Reichsparteitag der NSDAP statt, 1930 berief Thüringen den ersten NS-Minister Deutschlands. Trotz Wirtschaftskrisen und politischer Gewalt brachte die Zeit ein außerordentlich lebendiges Kulturleben hervor. Sie endete mit Hitlers Machtübernahme 1933 — die in Weimar geborenen demokratischen Ideale wirken bis heute nach.

NS-Zeit und Buchenwald (Zweiter Weltkrieg)

19331945

Während der NS-Diktatur (1933–1945) wurde Weimars kulturelles Erbe vereinnahmt, während das Regime in unmittelbarer Nähe Verbrechen beging. Adolf Hitler, der die Stadt vor 1933 über 40 Mal besuchte, sah im Erbe Goethes und Schillers deutsche Hochkultur, die sich propagandistisch nutzen ließ. Die Nationalsozialisten richteten Verwaltungsbauten ein — darunter das riesige Gauforum — und hielten Aufmärsche ab; Weimar wurde zu einem regionalen Zentrum des NS-Staats. Das dunkelste Kapitel ist das 1937 auf dem Ettersberg, nur acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, errichtete Konzentrationslager Buchenwald. Zwischen 1937 und 1945 inhaftierte die SS dort rund eine Viertelmillion Menschen aus ganz Europa und zwang sie zu brutaler Zwangsarbeit; über 56.000 kamen ums Leben. Auch die Stadt selbst blieb vom Krieg nicht verschont: 1945 trafen alliierte Luftangriffe Weimar, forderten Hunderte Todesopfer und beschädigten historische Bauten. Im April 1945 befreiten amerikanische Truppen die Stadt und führten kurz darauf Einwohnerinnen und Einwohner durch das Lager. Weimars Erbe aus dieser Zeit ist damit doppelt: die ideologische Vereinnahmung der Kulturgeschichte auf der einen, die Realität des Holocaust vor den Toren der Stadt auf der anderen Seite. Die Gedenkstätte Buchenwald hält die Erinnerung daran wach.

Weimar in der DDR

19451990

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Weimar in der sowjetischen Besatzungszone und gehörte ab 1949 zur DDR. Zunächst verwaltete die sowjetische Militäradministration die Region (1945–1949) und nutzte Buchenwald bis 1950 als Speziallager Nr. 2. 1948 verlor Weimar seinen Status als Landeshauptstadt an Erfurt und damit an politischem Gewicht. In der DDR-Zeit (1949–1990) war Weimar eine Provinzstadt — erhielt aber wegen seiner kulturellen Bedeutung besondere Aufmerksamkeit. Die Regierung, die das klassische deutsche Erbe für sich reklamierte, investierte stärker als anderswo in Museen, Bibliotheken und historische Bauten. Nationaltheater, Goethes und Schillers Wohnhäuser und die Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurden als Zeugnisse einer „fortschrittlichen deutschen Kultur“ gepflegt. Die Wirtschaft blieb auf Kultur, Bildung und leichte Industrie ausgerichtet; eine Schwerindustrie entstand nicht. Während des Kalten Krieges war in der Nähe eine sowjetische Garnison stationiert. Der Alltag stand unter den Zwängen des sozialistischen Systems, doch das künstlerische Erbe der Stadt inspirierte auch Andersdenkende. Ende der 1980er Jahre beteiligten sich die Weimarerinnen und Weimarer an den friedlichen Protesten in der DDR. Mauerfall 1989 und Wiedervereinigung 1990 beendeten 45 Jahre sozialistischer Herrschaft.

Wiedervereinigung und modernes Weimar

1990Gegenwart

Seit der Wiedervereinigung 1990 hat Weimar einen Aufschwung erlebt und internationale Anerkennung als Kulturstadt gewonnen. Zunächst kämpfte die Stadt mit den typischen Problemen des Ostens: veraltete Infrastruktur und hohe Arbeitslosigkeit. Erhebliche Investitionen in Sanierung und Tourismus halfen ihr auf die Beine. 1996 und 1998 nahm die UNESCO mehrere Weimarer Stätten in die Welterbeliste auf — darunter Goethes und Schillers Wohnhaus, die Herderkirche und die Bauhaus-Bauten — und bestätigte damit ihre weltweite Bedeutung. 1999 war Weimar Kulturhauptstadt Europas, was Festivals und Stadterneuerung anstieß. Auch diplomatisch spielte die Stadt eine Rolle: 1991 kamen hier die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens (Hans-Dietrich Genscher, Roland Dumas und Krzysztof Skubiszewski) zum ersten „Weimarer Dreieck“ zusammen. Heute ist Weimar eine lebendige Universitätsstadt — mit der Bauhaus-Universität und der Hochschule für Musik Franz Liszt — und ein Anziehungspunkt für Gäste aus aller Welt. 2004 zerstörte ein Brand große Teile der Herzogin Anna Amalia Bibliothek; eine internationale Kraftanstrengung ermöglichte 2007 die Wiedereröffnung. Das wiedervereinigte Deutschland feiert Weimar als lebendige Stadt und als Sinnbild europäischen Geistes- und Kunsterbes — stets im Ausgleich zwischen Bewahren und Gegenwart.

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