Die Jugendstilvillen von Weimar
Weimars Jugendstil ist ein Stil der Wohnhäuser: die Villenstraßen westlich und südlich der Altstadt, gebaut zwischen den 1890er Jahren und 1914, mit den Fassaden Rudolf Zapfes und den eigenen Bauten Henry van de Veldes.
Zwischen Gründerzeit und Erstem Weltkrieg legte sich um Weimar ein Ring von Villenstraßen: die Westvorstadt um Cranachstraße, Humboldtstraße und Helmholtzstraße und die Belvederer Allee hinaus zum Sommerschloss. An ihren Fassaden zeigt sich der Jugendstil der Stadt — in den Reliefs und Ornamenten des Baumeisters Rudolf Zapfe, der hier rund 400 Gebäude entwarf,[1] und in den Häusern Henry van de Veldes, des Belgiers, den der Hof nach Weimar holte, damit er der Stadt das Kunstgewerbe beibringt. Fast alle sind Privathäuser; der Gang an ihren Fronten entlang ist die Ausstellung.
Die Villenviertel, 1858–1914
Weimars Jugendstil steht in den Straßen, die entstanden, als die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über ihren alten Rand hinauswuchs. In der Westvorstadt stehen zahlreiche Villen der Gründerzeit und des Jugendstils, und schon die unterschiedlichen Baustile zeigen, dass die südwestliche Erweiterung in mehreren Abschnitten erfolgte.[2] Die zweite Achse ist die Belvederer Allee: 2500 Meter lang und bis auf den Knick an der Falkenburg schnurgerade, verbindet sie die Stadt mit Schloss Belvedere; Bauinspektor Ernst Franz Eisenach schlug 1858 erstmals ihre Bebauung vor, 1866 wurde ein Bebauungsplan genehmigt, und auf der Westseite errichteten Maurermeister Karl Friedrich Röhr und Zimmermeister Karl Eduard Kurth die ersten repräsentativen Villen mit Blick in den Ilmpark. Die ganze Allee steht heute als Flächendenkmal unter Schutz.[3]
Rudolf Zapfe, der „Fassaderich“
Nicht wenige der Jugendstilvillen der Westvorstadt stammen von einem einzigen Mann.[2] Rudolf Zapfe (1860–1934), geboren in Oberweimar, besuchte von 1874 bis 1878 die Großherzoglich-Sächsische Baugewerkenschule in Weimar, erhielt 1894 das Bürgerrecht der Stadt — das ihm erlaubte, Bauland zu kaufen, zu erschließen und zu verkaufen — und arbeitete mit seinem Bruder Otto als „Gebrüder Zapfe“. Er schuf Entwürfe für rund 400 Gebäude und fünf Kirchen; wegen seiner üppigen Architekturdekoration und der vielfältig gegliederten Baukörper nannte ihn der Volksmund „Fassaderich“.[1] Säulen, Frauenköpfe, Fruchtkörbe — „Opulenz ohne Ende“, so fasste 2022 ein Vortrag über sein Erbe das Ornament zusammen.[4]
Zapfes Häuser: die Cranachstraße und das Hansa-Haus
Allein an der Cranachstraße entstanden zwischen 1901 und 1906 elf Stadtvillen nach Zapfes Entwürfen, darunter die Villa Sömmering (Nr. 13, 1901), die Villa Rauner (Nr. 10, 1903) und die Villa Bornmüller (Nr. 12, 1903). Sein eigenes Haus stand in der Humboldtstraße 21 (1907); das Hansa-Haus am Frauenplan 6 (1905) ist sein früher Jugendstilbau in der Altstadt, und auch die Anglikanische Kirche von 1899, seit 1928 die Kreuzkirche, ist sein Werk.[1]
Die Häuser Henry van de Veldes
Der zweite Strang ist Henry van de Velde. Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche setzten sich am Hof dafür ein, ihn nach Weimar zu holen; er gestaltete 1903 das Innere des Nietzsche-Archivs, baute 1905/06 die Kunstgewerbeschule und 1904/05 und 1911 das Hauptgebäude der Kunstschule und errichtete 1906/07 sein eigenes Haus, das Haus Hohe Pappeln an der Belvederer Allee 58. Die Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule wurde 1908 auf seine Initiative gegründet und von Großherzog Wilhelm Ernst finanziert; bis zu ihrer Schließung 1915 war er ihr Direktor. Als „feindlicher Ausländer“ im Ersten Weltkrieg nicht mehr gelitten, verließ er Weimar 1917.[5]
Die Villa Dürckheim, 1912/13
Van de Veldes größter privater Auftrag in der Stadt ist die Villa Dürckheim in der Cranachstraße 47, 1912/13 für Graf Friedrich von Dürckheim-Montmartin gebaut — ein monumentaler, dreigeschossiger Adelssitz, der später dem sowjetischen Geheimdienst und der Stasi-Kreisdienststelle diente, seit 1996 unter Denkmalschutz steht und heute zum Teil von der Bauhaus-Universität genutzt wird.[6] 1913/14 folgte das Haus Henneberg, sein letztes Haus in Weimar.[5]
Bruno Röhr und die Helmholtzstraße
Ein dritter Name gehört in dieselben Jahre. Bruno Röhr (1875–1926), in Weimar geboren, kehrte um 1900 zurück und machte sich bald als Architekt selbständig; unter van de Velde wurde er für den zweiten Bauabschnitt des Kunstschul-Hauptgebäudes herangezogen, der 1911 vollendet wurde. Seine eigenen Villen stehen in der damaligen Elisabethstraße, der heutigen Helmholtzstraße: Nr. 6 (1904/05), Nr. 14 (1907/08) und Nr. 15 (1908/09), dazu das Mehrfamilienhaus Nr. 1 (1905/06) und das denkmalgeschützte Volkshaus von 1907/08.[7]
Fassaden lesen
Die Häuser sind privat; die Fassaden sind die Ausstellung. Das Haus auf dem Foto zeigt das Vokabular: ein radschlagender Pfau als Relief über dem Erkerfenster, Pflanzenornament über dem Bogen der Loggia, Rund- und Segmentbögen über den Fenstern, ein Balkon in geschwungenem Schmiedeeisen, kleine Ziegelvordächer an den Ecken. Die Lektüre zu den einzelnen Häusern ist die Reihe „Villen in Weimar — Häuser und ihre Geschichte(n)“, 1996 von Christiane Weber begonnen und 2016 mit einem fünften Band, herausgegeben von Hans Hoffmeister, fortgesetzt.[8][9]
Was Besucher fragen
- Wo stehen Weimars Jugendstilvillen?
- In der Westvorstadt westlich der Altstadt — Cranachstraße, Humboldtstraße, Helmholtzstraße — und entlang der Belvederer Allee im Süden; im Zentrum ist das Hansa-Haus am Frauenplan 6 Zapfes früher Jugendstilbau.[2][1]
- Wer war Rudolf Zapfe?
- Ein Weimarer Architekt und Bauunternehmer (1860–1934) mit Entwürfen für rund 400 Gebäude und fünf Kirchen, darunter elf Villen an der Cranachstraße aus den Jahren 1901 bis 1906; seine üppigen Fassaden brachten ihm den Beinamen „Fassaderich“ ein.[1]
- Kann man die Villen besichtigen?
- Van de Veldes eigenes Haus, das Haus Hohe Pappeln, ist seit 2003 ein Museum der Klassik Stiftung und bis zur Sommersaison 2027 wegen Sanierung geschlossen. Die übrigen Villen sind Wohnhäuser und Büros, die man von der Straße aus sieht.
Quellen
- Rudolf Zapfe — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Westvorstadt (Weimar) — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Belvederer Allee — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Schwelgen in Farbe und Form – der Jugendstil-Architekt Rudolf Zapfe in Weimar — Technische Universität Ilmenau, 30 March 2022, abgerufen am 30. August 2026
- Henry van de Velde — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Villa Dürckheim — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Bruno Röhr — Wikipedia (de), abgerufen am 30. August 2026
- Villen in Weimar von Christiane Weber — AbeBooks (bibliographic listings), abgerufen am 30. August 2026
- Villen in Weimar 5 | Häuser und ihre Geschichte(n) — Verlagsgruppe grünes herz, abgerufen am 30. August 2026
Historische Orte
Historische Orte
Der lange Text, der die Jugendstil-Villen Straße für Straße abgeht.
Belvederer Allee 58, 99425 Weimar
Van de Veldes eigenes Haus an der Belvederer Allee, 1906/07 gebaut.
Geschwister-Scholl-Straße 8, 99423 Weimar
Van de Veldes Hauptgebäude der Kunstschule, 1904/05 und 1911 — der zweite Abschnitt mit Bruno Röhr.
Humboldtstraße 36, 99425 Weimar
Van de Veldes Innenausstattung von 1903, sein erstes Werk in Weimar.
Bühnen und Spielstätten
Das Hansa-Haus am Frauenplan 6 (1905) ist Zapfes früher Jugendstilbau in der Altstadt.
Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
1863–1957 • Architekt • Designer • Gründer der Weimarer Kunstgewerbeschule
Seine Weimarer Bauten — Kunstschule, Kunstgewerbeschule, Haus Hohe Pappeln, Villa Dürckheim — sind der zweite Strang des Weimarer Jugendstils.
1868–1937 • Mäzen • Museumsdirektor • Verleger • Diplomat
Setzte sich am Hof, zusammen mit Elisabeth Förster-Nietzsche, dafür ein, van de Velde nach Weimar zu holen.
1846–1935 • Archivarin • Herausgeberin • Verlegerin
Setzte sich am Hof, zusammen mit Harry Graf Kessler, dafür ein, van de Velde nach Weimar zu holen; sein erstes Weimarer Werk war das Innere ihres Archivs.
In Weimars Geschichte
Epochen
Die Villenviertel entstanden in den letzten Jahrzehnten des Großherzogtums, von den 1860er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg.
Als Goethe 1832 starb, stand Weimar vor der Frage, was eine Stadt nach ihrer Blütezeit eigentlich tut. Weimar machte weiter, und die Antwort dauerte sechsundachtzig Jahre — jene Epoche, die die Klassik Stiftung Weimar das Silberne Zeitalter nennt. An die Stelle der Literatur trat die Musik, zwei fürstliche Mäzene bezahlten dafür, und die Schulen, die sie gründeten, überlebten die Monarchie, die sie finanziert hatte.
In Weimars Geschichte
Die Schule, aus der das Bauhaus gebaut wurde: als privates Seminar in geliehenen Räumen begonnen, dreizehn Jahre später auf Anordnung geschlossen.
Die Schule, die van de Velde gründete und bis zu ihrer Schließung 1915 leitete; ihr Haus baute er 1905/06.