Zum Inhalt springen
Synagoge und Museum
Erbaut 1094

Alte Synagoge Erfurt

Waagegasse 8, 99084 Erfurt

Über diesen Ort

Die Alte Synagoge in Erfurt reicht mit ihren ältesten Bauteilen bis ins 11. Jahrhundert zurück und ist die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge Mitteleuropas. Seit 2009 zeigt sie als Museum, was von der jüdischen Gemeinde des mittelalterlichen Erfurt geblieben ist, einer Gemeinde von herausragendem Rang in Europa: Das Haus erzählt seine eigene Baugeschichte, im Keller liegt der Erfurter Schatz, der höchstwahrscheinlich zur Zeit des Pogroms von 1349 vergraben wurde, im Hof stehen Grabsteine des zerstörten mittelalterlichen Friedhofs, und im Obergeschoss geht es um die Erfurter Hebräischen Handschriften.[1] Mit der Mikwe an der Gera und dem Steinernen Haus am Benediktsplatz ist die Synagoge seit dem 17. September 2023 UNESCO-Welterbe „Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt“ — eine Altstadt, in der sich an erhaltenen Bauten und Fundstücken ablesen lässt, wie eine jüdische Gemeinde des Mittelalters lebte, betete und Handel trieb, Seite an Seite mit ihren christlichen Nachbarn.[2]

Vier Bauphasen, um 1094 bis um 1300

Das Alter der Synagoge steckt im Holz: Balken der ersten Bauphase sind dendrochronologisch auf 1094 datiert, und unten in der Westwand steht dieses älteste Mauerwerk mit seinen Ritzfugen auf rund acht Metern bis heute. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts folgte ein Umbau, von dem ein kurzes Mauerstück mit einem Zwillingsfenster, dem Biforium, geblieben ist. Um 1270 gab sich die Gemeinde ein repräsentatives Haus, die älteren Teile eingebaut: eine Westfassade mit fünf Lanzettfenstern und einer großen Rosette, darüber ein hoher Saal unter hölzernem Tonnengewölbe. Von der Ausstattung überdauerte allein das umlaufende Lichtergesims, am deutlichsten an der Ostwand, wo wohl der Toraschrein stand. Um 1300 wuchs das Haus um einige Meter nach Norden und um ein Geschoss, vermutlich für die Frauensynagoge oder für den Hebräischunterricht der Knaben.[3]

Eine der bedeutenden Gemeinden ihrer Zeit, spätes 11. Jahrhundert bis 1349

Greifbar wird die jüdische Gemeinde Erfurt ab dem späten 11. Jahrhundert, mit dem ersten Bau der Synagoge; aus dem 13. Jahrhundert belegen Steuerlisten und Urkunden Erfurter Juden im Kreditwesen, mit Geschäftsbeziehungen im ganzen Reich. Sie wohnten mitten in der Stadt, im Quartier zwischen Rathaus, Krämerbrücke und Michaeliskirche, Tür an Tür mit christlichen Kaufleuten; nahebei lag die Mikwe, der Friedhof draußen vor dem Moritztor. Gelehrte von Rang gehörten zur Gemeinde, allen voran der Rabbiner und Autor Alexander Süßkind ha-Kohen, und 15 ihrer hebräischen Handschriften bewahrt heute die Staatsbibliothek zu Berlin.[4]

Das Pogrom von 1349 und die zweite Gemeinde, 1349–1454

Die Pest trug die Verfolgungen nach Norden, im März 1349 auch nach Erfurt. Schulden, Glaubenshass, Neid unter Händlern und Politik wirkten zusammen, und der Vorwurf der Brunnenvergiftung lieferte den Vorwand. Am 21. März 1349 löschte das Pogrom die Gemeinde aus; bis zu 900 Menschen starben, unter ihnen wahrscheinlich Alexander Süßkind ha-Kohen. Wohl ab 1354 kehrten Juden zurück, und für diese zweite Gemeinde ließ der Rat 1355 bis 1357 hinter dem Rathaus eine neue Synagoge errichten. Ein Jahrhundert später war es vorbei: 1453 kündigte der Rat den Judenschutz, von 1454 an duldete Erfurt keine Juden mehr.[4]

Speicher, Tanzsaal und Gaststätte, 1349–1990

Nach dem Pogrom, bei dem die Synagoge schwer beschädigt wurde, nahm die Stadt das Gebäude an sich und verkaufte es an den Händler, dem schon das Nachbargrundstück Michaelisstraße 2 gehörte. Er machte daraus ein Lagerhaus mit großem Gewölbekeller, neuem Dachstuhl und zwei Holzdecken, deren Balken auf 1350 datiert sind, und ließ Tordurchfahrten in Ost- und Nordwand brechen. So diente das Haus rund 500 Jahre als Speicher; Getreidekörner und Spelzen hinter den Lanzettfenstern der Westfassade zeugen noch davon. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde es gastronomisch genutzt, mit einem Tanzsaal voller Stuckfiguren und farbiger Bemalung im Obergeschoss, Küche und Gastraum darunter und zwei Kegelbahnen.[3] Durch die vielen Umbauten war die Synagoge als solche nicht mehr bekannt und überstand so die Zeit des Nationalsozialismus unbeschadet.[5]

Wiederentdeckung, Rettung und Museum, späte 1980er Jahre bis 2009

Was das Haus einmal gewesen war, kam erst in den späten 1980er Jahren wieder ans Licht, als das Institut für Denkmalpflege die erhaltene Substanz aufnahm; die Bauuntersuchungen unter Elmar Altwasser ab 1992 zeigten dann eine weitgehend erhaltene Synagoge von besonderer baulicher Qualität — nach Lager, Gaststätte und jahrzehntelanger Vernachlässigung allerdings ein akut einsturzgefährdetes Gebäude. Nach schwierigen Verhandlungen kaufte die Stadt Erfurt sie 1998. Bei der Sanierung blieben die Spuren aller Nutzungen erhalten, weil sie die Geschichte der Gemeinde spiegeln, und zahlreiche Anbauten wurden entfernt, damit die Synagoge von außen sichtbar ist. Seit 2003 entstand das Konzept eines Museums zur Kultur und Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde; am 27. Oktober 2009 öffnete das Museum Alte Synagoge Erfurt.[3]

Der Erfurter Schatz, vergraben 1349, gefunden 1998

Entdeckt wurde der Schatz 1998, kurz vor Abschluss der archäologischen Untersuchungen auf dem Grundstück Michaelisstraße 43 unweit der Synagoge, unter der Mauer eines Kellerzugangs — ein Fund, in Umfang und Zusammensetzung einmalig. Rund 24 Kilogramm entfallen auf 3.141 Silbermünzen und 14 Silberbarren; dazu kommen mehr als 700 Stücke gotischer Goldschmiedekunst, darunter acht Silberbecher, Broschen mit reichem Steinbesatz, Gold- und Silberringe und Gürtelteile. Das kostbarste Stück des Fundes ist ein jüdischer Hochzeitsring, entstanden im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts, dessen Aufsatz gotische Architektur im Kleinen nachbildet, ganz aus reinem Gold.[6] Wahrscheinlich hat ein jüdischer Kaufmann den Schatz vergraben, als das Pogrom nahte; der Geldhändler Kalman von Wiehe, dem das Grundstück zuletzt gehörte, könnte der Mann gewesen sein. Der Schatz ist gereist — Speyer, Berlin, Paris, London, New York — und liegt heute für immer im Keller der Synagoge.[7]

Die Mikwe an der Gera, 12. Jahrhundert bis 2011

Wohl schon im 12. Jahrhundert besaß die Gemeinde ein Ritualbad, von dem die Südwand erhalten ist; an sie angelehnt entstand im 13. Jahrhundert ein neuer Mikwenbau von etwa neun Metern Länge und knapp drei Metern Breite, dessen Wasserbecken unmittelbar am Fluss liegt. Beim Pogrom von 1349 schwer beschädigt, nutzte die 1354 neu gegründete Gemeinde das Bad wieder; nach der erzwungenen Abwanderung der Juden 1453 wurde das Becken verfüllt und der Raum zum Keller.[8] 2007 wurde die Mikwe bei Bauarbeiten hinter der Krämerbrücke wiederentdeckt.[5] Das Weimarer Architekturbüro Gildehaus und Reich errichtete in der ersten Jahreshälfte 2011 den Schutzbau, im September 2011 öffnete die Mikwe als Museum; besichtigt wird sie im Rahmen von Führungen.[8]

Das Steinerne Haus, um 1250

In einem Gebäudekomplex am Benediktsplatz 1 steht ein mittelalterlicher Steinbau aus der Zeit um 1250, an dem sich außergewöhnlich viele Strukturen aus der Erbauungszeit erhalten haben.[9] Das Profangebäude lässt sich jüdischen Besitzern zuordnen und gehört europaweit zu den wenigen Bauten seiner Zeit, deren Innenraum noch die originale Ausmalung trägt.[2]

Der Weg zum Welterbe, 2008–2023

In Erfurts weitgehend intakter Altstadt sind einmalige Bauzeugnisse der jüdischen Gemeinde vom ausgehenden 11. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts erhalten, ergänzt durch eine weltweit einzigartige Fülle von Sachzeugnissen zum Gemeinde- und Alltagsleben und zum Zusammenleben von Juden und Christen; 2008 entschied die Stadt deshalb, den Welterbetitel anzustreben, und 2014 kamen Alte Synagoge und Mikwe auf die deutsche Vorschlagsliste.[2] Anfang 2021 gingen Antrag und Managementplan an die UNESCO in Paris, im September 2021 folgte die Begehung in Erfurt. Die für Juni 2022 in Kasan geplante Sitzung wurde wegen des Ukraine-Krieges ausgesetzt; am 17. September 2023 entschied das Welterbekomitee auf seiner 45. Sitzung in Riad über den Erfurter Antrag, und seitdem steht das jüdisch-mittelalterliche Erbe — Alte Synagoge, Mikwe und Steinernes Haus — auf der Welterbeliste.[10]

Museum, Quartier und Musik, 2009–2026

Die Ausstellung zieht sich durch das ganze Haus: Grabsteine im Hof, die Baugeschichte im Erdgeschoss, der Schatz im Keller, die Hebräischen Handschriften im Obergeschoss.[1] Ein Aufzug erschließt alle Ausstellungsflächen, ein Videoguide mit Hörschleife führt durch das Haus, und für Sehgeschädigte lässt sich eine Tastführung buchen.[11] Draußen lädt die Open-Air-Dauerausstellung „Inter Judeos“ mit 19 Stationen zu einem Spaziergang durch das jüdische Quartier, direkt verbunden mit Alter Synagoge, Mikwe und Steinernem Haus, und die öffentlichen Führungen durch das Quartier und zur Mikwe sind kostenfrei.[12] Und jeden Sommer kommt der Yiddish Summer Weimar herüber — 2026 zum zwölften Mal — mit Konzerten und Gesprächen zur jiddischen Musik und Kultur, die er gemeinsam mit der Stadt und ihrem Netzwerk für jüdisches Leben veranstaltet.[13]

Was Besucher fragen

Was ist die Alte Synagoge in Erfurt?
Eine mittelalterliche Synagoge, deren älteste Mauern aus dem 11. Jahrhundert stammen — in ganz Mitteleuropa steht keine ältere, die bis zum Dach erhalten ist — und seit 2009 ein Museum zur jüdischen Gemeinde des mittelalterlichen Erfurt.[1]
Wie alt ist die Alte Synagoge?
Die ältesten Mauerteile stammen aus dem späten 11. Jahrhundert, Hölzer daraus sind auf 1094 datiert; im 12. Jahrhundert wurde sie umgebaut, um 1270 repräsentativ neu gebaut und um 1300 erweitert und aufgestockt.[3]
Was geschah 1349 mit der Synagoge?
Das Pogrom vom 21. März 1349 löschte die Gemeinde aus; bis zu 900 Menschen starben.[4] Die schwer beschädigte Synagoge wurde an einen Händler verkauft und rund 500 Jahre als Speicher genutzt, später als Tanzsaal und Gaststätte.[3]
Was ist der Erfurter Schatz?
Ein 1998 auf dem Grundstück Michaelisstraße 43 nahe der Synagoge entdeckter Fund, höchstwahrscheinlich während des Pogroms von 1349 vergraben: 3.141 Silbermünzen, 14 Silberbarren und mehr als 700 Stücke gotischer Goldschmiedekunst, allen voran ein jüdischer Hochzeitsring aus reinem Gold. Er ist dauerhaft im Keller der Alten Synagoge ausgestellt.[6]
Warum ist die Alte Synagoge UNESCO-Welterbe?
Seit dem 17. September 2023 gehört sie mit Mikwe und Steinernem Haus zum Welterbe „Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt“: Bauten und Sachzeugnisse der jüdischen Gemeinde vom ausgehenden 11. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, die das Gemeinde- und Alltagsleben und das Zusammenleben von Juden und Christen zeigen.[2]
Kann man die Alte Synagoge und die Mikwe besichtigen?
Ja. Die Synagoge in der Waagegasse 8 ist ein Museum, dessen Ausstellungsflächen ein Aufzug erschließt;[11] die Mikwe wird bei Führungen besichtigt, und die Ausstellung „Inter Judeos“ führt dazwischen durch das jüdische Quartier. Aktuelle Öffnungszeiten und Führungen stehen in den Besucherinformationen.[12]

Quellen (13)

  1. Die Alte Synagoge Erfurt — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  2. Das jüdisch-mittelalterliche Erbe in Erfurt — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  3. Die Baugeschichte der Alten Synagoge — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  4. Jüdische Gemeinde im Mittelalter — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  5. Alte Synagoge (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
  6. Erfurter Schatz — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  7. Historischer Hintergrund — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  8. Die Baugeschichte der mittelalterlichen Mikwe — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  9. Objekte der Erfurter Bewerbung — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  10. Antragschronologie — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  11. Besucherinformation Alte Synagoge — Landeshauptstadt Erfurt, Jüdisches Leben Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  12. Alte Synagoge außer Haus: Kostenfreie Angebote während der baubedingten Schließung — Landeshauptstadt Erfurt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, abgerufen am 13. September 2026
  13. Yiddish Summer Weimar kommt erneut nach Erfurt — Landeshauptstadt Erfurt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, abgerufen am 13. September 2026

Besuchsinformationen

Eintritt

Die öffentlichen Führungen durch das Jüdische Quartier und zur Mikwe sind kostenfrei, um Spenden wird gebeten.

Öffnungszeiten

Wegen Sanierung vom 3. August 2026 bis 28. Februar 2027 geschlossen. Öffentliche Führungen durch das Jüdische Quartier samstags und sonntags 10:15 Uhr, Treffpunkt Benediktsplatz; zur Mikwe donnerstags und freitags 14:00 Uhr sowie samstags und sonntags 11:45 Uhr, Treffpunkt Kreuzgasse.

Lage

Waagegasse 8, 99084 Erfurt

50.9786, 11.0293

Offizielle Website

Aus der Geschichte von Erfurt

Historische Orte

Krämerbrücke, zwischen Benediktsplatz und Wenigemarkt, 99084 Erfurt

Das mittelalterliche jüdische Quartier lag zwischen Rathaus, Krämerbrücke und Michaeliskirche, und hinter der Brücke wurde 2007 die Mikwe wiederentdeckt.

Rund um Weimar

Erfurt

20 km Westlich

Die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge Mitteleuropas und seit 2023 Mittelpunkt des Erfurter UNESCO-Welterbes.