Fischmarkt
Über diesen Ort
Der Fischmarkt ist die Mitte der Erfurter Altstadt: ein Platz zwischen Domplatz und Anger, auf dem im Mittelalter so viele Märkte stattfanden, dass er zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt wurde.[1] Das neugotische Rathaus prägt ihn, und drinnen erzählen zahlreiche Wandgemälde Legenden, Szenen aus dem Leben Luthers und Bilder aus der Erfurter Geschichte.[2] Ringsum zeigen Patrizierhäuser der Renaissance den Reichtum Erfurts in der Frühen Neuzeit — das Haus zum Roten Ochsen von 1562 mit der Kunsthalle Erfurt und das Haus zum Breiten Herd von 1584 —, und dem Rathaus gegenüber steht der Römer, ein bewaffneter Krieger auf einer Säule, 1591 zum ersten Mal aufgestellt.[1] Hier beginnt ein Tag in Erfurt am besten: mit einem ausgemalten Rathaus, das Besucher empfängt, mit Renaissancefassaden, zeitgenössischer Kunst und der Krämerbrücke gleich östlich hinter dem Benediktsplatz.
Vom Marktplatz zum Mittelpunkt der Stadt, 1275–1293
Urkundlich erscheint der Platz zuerst 1293, als in foro piscium iuxta hospitale — der Fischmarkt beim Hospital. Weil hier im Mittelalter immer wieder die verschiedensten Märkte abgehalten wurden, wuchs der Fischmarkt allmählich zum gesellschaftlichen Zentrum Erfurts heran; schon 1275 entstand an seiner Ostseite ein erstes Rathaus, an eben der Stelle, an der das heutige steht.[1]
Haus zum Roten Ochsen, 1392–1562
Seit 1392 ist das Haus bezeugt; seine heutige Gestalt verdankt es Jacob Naffzer, der mit Waid handelte und als Oberratsmeister an der Spitze des Rates stand und es 1562 zu einem Renaissancebau umbauen ließ — einem, der zu den schönsten in Deutschland gezählt wird. Wer vor der Fassade steht, sieht über den Erdgeschossfenstern ein Band mit Musen und Planetengöttern der Antike, und genau in der Mitte den Namensgeber: einen roten Ochsen mit vergoldeten Hörnern. Hinter den Fenstern des ersten Obergeschosses liegt ein reich ausgestatteter Renaissancesaal, heute Ausstellungsraum.[3]
Haus zum Breiten Herd, 1584–1808
Eines der prachtvollsten Renaissancehäuser Erfurts steht an der Nordseite, Hausnummer 13: 1584 für Heinrich von Denstedt erbaut, der als Stadtvogt und Ratsmeister amtierte. Die Werkstatt Hans Friedemanns des Älteren gab dem ersten Obergeschoss die fünf Sinne als Figuren, nach Vorlagen von Frans Floris aus Antwerpen, und beim „Riechen“ taucht im Hintergrund Erfurt selbst auf. Weiter oben blicken Köpfe aus den Fenstergiebeln, ganz oben wacht ein Landsknecht, und seit 1968 zeigt sich die Fassade wieder in ihren Renaissancefarben. 1808, zur Zeit des Fürstenkongresses, logierte hier Friedrich August I. von Sachsen, und Napoleon kam mit seinen Marschällen feierlich zu Besuch.[4]
Der Römer auf seiner Säule, 1591–1992
Seine Säule hat eine Vorgeschichte: Seit 1448 erhob sich in Erfurt ein heiliger Martin, der 1525, im Bauernkrieg bei einer Erhebung gegen Kurmainz, niedergerissen wurde. Den Nachfolger schuf Israel von der Milla, ein Niederländer, der in Erfurt lebte und vom Rat den Auftrag erhielt; am 6. November 1591 kam sein „Mann auf der Säule“ vor dem Breiten Herd auf den Sockel — ein römischer Krieger in voller Rüstung, in der rechten Hand die Fahne der Stadt. Die Erfurter sprachen einfach vom „Mann“ oder vom „Römer“. Später hielt man ihn für einen Roland und nannte ihn auch so; erst das 20. Jahrhundert gab ihm seinen alten Sinn zurück, und er verschwand aus den Verzeichnissen der Rolandfiguren. Der Sockel ist ein Werk des 18. Jahrhunderts, den heutigen Standort gegenüber dem Rathaus hat der Römer seit 1886, und nach der Restaurierung 1991/92 trägt er wieder seine Renaissancebemalung.[5]
Das alte Rathaus verschwindet, 1830–1870
Das alte Rathaus war ein traditionsreicher Komplex aus vielen Gebäuden, gewachsen zwischen früher Gotik und ausgehender Renaissance.[6] Seine ältesten Teile reichten ins 13. Jahrhundert zurück; 1830 wurden unter anderem der große Saal abgebrochen, 1865/66 weitere Teile und 1870 der Rest samt dem mächtigen Turm.[7] Was blieb: eine Wappentafel von 1418, heute an einer Hofseite des neuen Rathauses, und einige Stücke im Angermuseum.[6]
Das neugotische Rathaus, 1870–1935
Auf dem alten Grund bauten August Thiede und Theodor Sommer das neue Rathaus, im Kern zwischen 1870 und 1875.[7] Schon die mächtige Eingangshalle, die kunstvoll gestalteten Flure und die Treppe zeigen, wie selbstbewusst die Handels- und Industriestadt um 1900 auftrat — das Haus ist eines der Wahrzeichen Erfurts geworden.[6] Mit dem verlängerten Ostflügel erhielt es 1904/05 eine zweite Treppe und den Saal für die Ratssitzungen; Südbau und Sparkasse vollendeten 1934/35 das Geviert. Hier regiert und verwaltet die Stadt, und hier finden Konzerte, Empfänge und Feste statt.[7]
Stadtgeschichte im Festsaal, 1878–1882
Im Festsaal hängen unter vier Kronleuchtern neun Wandgemälde, die Peter Janssen von 1878 bis 1882 malte.[8] Sie beginnen mit Bonifatius, der eine den germanischen Göttern geweihte Eiche fällt, und dem heiligen Martin, dem Schutzpatron Erfurts, und führen über Heinrich den Löwen, der sich im November 1181 auf dem Hoftag in Erfurt Kaiser Friedrich Barbarossa unterwirft, und die 1392 von der Bürgerschaft gegründete Universität bis zum Einzug des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn am 12. Oktober 1664 und zur Huldigung der Erfurter an das preußische Königspaar 1803.[9] Der Saal mit 238 Quadratmetern bietet bis zu 198 Plätze für Konzerte, Hochzeiten, Ringvorlesungen und Führungen; zu ihm gehört ein historischer, in New York gebauter Steinway-Flügel von 1915.[8]
Sagen im Treppenhaus, 1891–1895
Treppenhaus und Flure malte Professor Eduard Kämpffer von 1891 bis 1895 aus — vier Erzählungen an den Wänden: die Legende vom Grafen von Gleichen, Luthers Leben, die Faust-Sage und die Tannhäuser-Sage.[6] Der Graf von Gleichen kehrt mit der Sultanstochter als zweiter Gemahlin vom Kreuzzug heim; Faust, der sich 1513 nachweislich in Erfurt aufhielt, lässt Alexander den Großen vor Kaiser Karl V. erscheinen und beschwört vor Erfurter Studenten den Riesen Polyphem; im zweiten Obergeschoss reicht Luthers Leben vom Studenten an der Bahre eines Freundes bis zum feierlichen Empfang in Erfurt auf dem Weg nach Worms im April 1521.[9]
Das Gildehaus, 1882–1893
Rechts neben dem Haus zum Breiten Herd, unter den Hausnummern 14 bis 16, entstand in zwei Bauphasen 1882/83 und 1892/93 das Gildehaus im Stil der Neorenaissance — mit dem Breiten Herd als Vorbild.[4]
Die Sparkasse neben dem Rathaus, 1934–1935
Rechts an das Rathaus schließt ein Bau der Neuen Sachlichkeit an: die Sparkasse, 1934/35 von Johannes Klass entworfen, heute Sitz der Sparkasse Mittelthüringen.[1] Zwischen Neugotik und Moderne vermittelt ein niedriges Verbindungsstück, das die Unterschiede sichtbar lässt und beide Häuser doch zusammenbindet. Unter dem vorspringenden Giebel über dem Eingang hat der Bildhauer Hans Walter menschliche Schwächen dargestellt — Geiz, Neid, Faulheit, Dummheit, Eitelkeit, Gefräßigkeit —, und in den neun Meter hohen Laibungen des Mittelfensters erzählen zwölf steinerne Tierkreiszeichen vom Auf und Ab eines Menschenlebens.[6]
Kunsthalle Erfurt, seit 1979
1979 renoviert, öffnete der Rote Ochse als „Galerie am Fischmarkt“; seit 2000 heißt er Kunsthalle Erfurt, und auch der Erfurter Kunstverein hat hier sein Zuhause.[3] Rund 750 Quadratmeter stehen für wechselnde Ausstellungen zur Verfügung, mit Kunst von der Moderne bis heute, aus Deutschland wie aus dem Ausland; in Thüringen ist sie das größte Haus für Wechselausstellungen moderner Kunst in öffentlicher Trägerschaft. Neben Malerei, Grafik, Skulptur, Video und Installation hat seit den mittleren 1980er Jahren die künstlerische Fotografie ihren festen Platz im Programm.[10]
Zwischen Marktstraße und Benediktsplatz, 2013
Der Fischmarkt gehört zur Erfurter Fußgängerzone und hat mit „Fischmarkt/Rathaus“ eine eigene Stadtbahn-Haltestelle. Nach Westen führt die Marktstraße ab, nach Süden die Schlösserstraße, und im Osten geht der Platz in den Benediktsplatz über, an dem die Krämerbrücke beginnt. Zwischen Anfang und November 2013 wurde der Fischmarkt umfassend saniert.[1]
Was Besucher fragen
- Wo liegt der Fischmarkt in Erfurt?
- In der Altstadt, zwischen dem Domplatz im Westen und dem Anger im Südosten. Die Stadtbahn hält an der Haltestelle Fischmarkt/Rathaus, und im Osten geht der Platz in den Benediktsplatz über, an dem die Krämerbrücke beginnt.
- Wann wurde das Erfurter Rathaus gebaut?
- Im Kern zwischen 1870 und 1875; die Pläne stammten von August Thiede und Theodor Sommer, der Bauplatz war derselbe, auf dem 1275 das erste Rathaus gestanden hatte. 1904/05 wurde der Ostflügel verlängert, 1934/35 schlossen Südbau und Sparkasse den Komplex.
- Kann man das Rathaus besichtigen, und was gibt es zu sehen?
- Ja — am Wochenende ohne Führung, von Montag bis Freitag im Rahmen der Führungen der Erfurt Tourismus und Marketing GmbH. Zu sehen sind die neun Gemälde zur Erfurter Geschichte von Peter Janssen im Festsaal (1878–1882) und die Bilder Eduard Kämpffers zu den Sagen vom Grafen von Gleichen, von Faust und Tannhäuser und zu Luthers Leben in Treppenhaus und Fluren (1891–1895).
- Wer steht auf der Säule vor dem Rathaus?
- Der Römer, ein von Kopf bis Fuß gerüsteter römischer Krieger mit der Erfurter Stadtfahne. Israel von der Milla schuf ihn; seinen ersten Platz bekam er am 6. November 1591 vor dem Haus zum Breiten Herd, und seit 1886 steht er gegenüber dem Rathaus.
- Was ist im Haus zum Roten Ochsen?
- Die Kunsthalle Erfurt mit wechselnden Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst auf etwa 750 Quadratmetern und der Erfurter Kunstverein. Das Haus ließ der Waidhändler Jacob Naffzer 1562 im Renaissancestil umgestalten; den roten Ochsen mit goldenen Hörnern findet man im Fries über dem Erdgeschoss.
- Welches Gebäude ist das Haus zum Breiten Herd?
- Das Renaissancehaus von 1584 mit der Nummer 13 an der Nordseite, mit den fünf Sinnen im ersten Stock und einem Landsknecht auf der Spitze. Rechts daneben steht das Gildehaus der Neorenaissance von 1882/83 und 1892/93, das es zum Vorbild nahm.
Quellen (10)
- Fischmarkt (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Rathaus Erfurt — Erfurt Tourismus und Marketing GmbH, abgerufen am 13. September 2026
- Haus zum Roten Ochsen — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Haus zum Breiten Herd — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Römer (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Geschichte des Rathauses — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Das Erfurter Rathaus — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Festsaal — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Historische Wandgemälde — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Kunsthalle Erfurt – Haus zum Roten Ochsen — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Kunsthalle Erfurt: Erwachsene 6,00 Euro, ermäßigt 4,00 Euro; am ersten Dienstag im Monat ist der Eintritt frei.
Rathaus: Samstag und Sonntag 9:00–12:00 und 13:00–16:00 Uhr ohne Führung, außer während Veranstaltungen im Haus; Montag bis Freitag ausschließlich im Rahmen von Führungen der Erfurt Tourismus und Marketing GmbH. Kunsthalle Erfurt: Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, Donnerstag 11–22 Uhr.
Fischmarkt, 99084 Erfurt
50.9778, 11.0289
Aus der Geschichte von Erfurt
Historische Orte
Krämerbrücke, zwischen Benediktsplatz und Wenigemarkt, 99084 Erfurt
Im Osten geht der Fischmarkt in den Benediktsplatz über, an dem die Krämerbrücke beginnt.
Rund um Weimar
20 km Westlich
Der zentrale Platz Erfurts mit dem neugotischen Rathaus, den Renaissancehäusern zum Roten Ochsen und zum Breiten Herd und dem Römer auf seiner Säule.