Lorenzkirche St. Lorenz
Über diesen Ort
Die Lorenzkirche St. Lorenz am Anger, dem zentralen Platz Erfurts, gehört zu den ältesten Pfarrkirchen der Stadt und erhielt nach dem Dom als erste Kirche Erfurts eigene Pfarrrechte: Ihre älteste erhaltene Urkunde stammt von 1140, der quadratische Turm aus der Zeit um 1300 und die Schauseite zum Anger mit hohen gotischen Fenstern, die über das Dachgesims hinaufreichen und eigene Giebel tragen, aus dem Wiederaufbau nach dem Stadtbrand von 1413.[1] Seit 1978 findet hier jeden Donnerstag das Friedensgebet statt, das 1989 in der Friedlichen Revolution besondere Bedeutung erlangte.[2] Im Inneren erwarten den Besucher ein gotischer Flügelaltar, mittelalterliche Heiligenfiguren und ein spätgotischer Taufstein,[3] und an der Mauer zur Schlösserstraße erinnert seit 2019 eine Gedenktafel[3] daran, dass in dieser Kirche die ersten ökumenischen Friedensgebete der DDR begannen.[4]
Erfurts erste Pfarrkirche, 1140–1525
Die älteste erhaltene Urkunde von St. Lorenz aus dem Jahr 1140 nennt den Mainzer Vitztum Gislebert als Stifter und Erbauer der Kirche und Adalbert II., damals Propst in Erfurt und später Erzbischof von Mainz, als den, der sie weihte. Von Anfang an besaß sie Pfarrrechte, unterstand unmittelbar dem Mainzer Stuhl und war vom Dom unabhängig; nach dem Dom erhielt sie als erste Kirche Erfurts eigene Pfarrrechte. 1318 inkorporierte Erzbischof Peter von Mainz sie dem verarmten Reglerkloster. Als in der Reglerkirche ab 1523 evangelisch gepredigt wurde, blieben die Pfarrer von St. Lorenz katholisch, und die Kirche war nur während des Bauernaufstands 1525 kurz geschlossen.[1]
Turm, Stadtbrand und Giebelfenster, um 1300–1893
Ältester Teil der Kirche sind der quadratische Turm und ein Stück der Westwand von der Wende des 13. zum 14. Jahrhundert; die Weihe zweier Altäre 1316 könnte sich auf diesen gotischen Neubau beziehen.[1] Der Turm ist 40 Meter hoch.[5] Beim Stadtbrand von 1413 brannte die Kirche weitgehend ab. Der dritte Bau in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts brachte das nördliche Seitenschiff und eine neue Südwand zum Anger, die zur Schauseite wurde: Ihre Fenster reichen über das Dachgesims hinaus und schließen mit Giebeln ab, eine Kunstform, die es im Erfurt des 15. Jahrhunderts nur hier gab. Bei der Restaurierung von 1888 bis 1893 wurde die gerade Ostwand für eine polygonale Apsis geöffnet und ein Teil ihrer drei Fenster im neuen Chor wieder eingesetzt.[1]
Jesuiten, Sakristei und Konzil, 1664–1996
Von 1664 bis 1773 nutzten die Jesuiten aus dem gegenüberliegenden Kolleg die Kirche mit.[3] 1925 kam die heutige Sakristei hinzu, 1965/66 wurde der Innenraum nach den Empfehlungen des Zweiten Vatikanischen Konzils umgebaut, und diese Gestalt prägt die Kirche bis heute; zuletzt wurde sie 1996 umfassend instand gesetzt.[1]
Flügelaltar, Sandsteinchristus und Klais-Orgel, Mittelalter–2023
Die Statuen der beiden Schutzpatrone, des heiligen Laurentius, nach dem die Kirche heißt, und des heiligen Wenzeslaus, stehen zu beiden Seiten des Südportals; an der südlichen Außenwand hängen Epitaphien des 18. Jahrhunderts. Im Kirchenraum finden sich ein gotischer Flügelaltar, Heiligenfiguren des hohen und späten Mittelalters, an einer der Säulen eine Christusfigur aus Sandstein, wie sie selten ist, und ein Taufstein der Spätgotik. Die Orgel mit 27 Registern auf drei Manualen und Pedal baute Klais 1935; Orgelbau Kutter hat sie 2023 gründlich überholt.[3]
Das erste Friedensgebet, 1978
Anlass war der Wehrkundeunterricht, den die DDR zum Schuljahr 1978/79 an den Schulen einführte. Ilse Neumeister vom evangelischen Jungmännerwerk hatte von dem Vorhaben gehört und einen Gesprächskreis der Predigergemeinde unterrichtet; ein Erfurter Oberarzt schrieb Eingaben an die Volksbildungsministerin, die unbeantwortet blieben, und seine Frau regte, getragen von Reinhold Schneiders Zeile „Allein den Betern kann es noch gelingen“, einen Kreis „Frauen beten für den Frieden“ in einem öffentlichen Kirchenraum an. Die beheizbare Lorenzkirche mitten in der Stadt bot sich an, der Pfarrer öffnete sie bereitwillig, und am 7. Dezember 1978 begann das ökumenische Gebet, das von Anfang an Friedensgebet hieß[6] — die Antwort Erfurter Christen auf die Militarisierung der Jugend.[7]
Jeden Donnerstag, 1978–1989
Das Gebet folgt einer einfachen Form: Man singt, betet gemeinsam das Vaterunser und das Friedensgebet des heiligen Franziskus, „Herr, mach mich zum Werkzeug Deines Friedens“, und bringt in Fürbitten vor, was die Woche bewegt hat — häufig ging es um junge Männer im Wehrdienst und um Verweigerer, um Aufrüstung und Kriege. Während der zehntägigen Friedensdekaden der 1980er Jahre lösten sich viele Beterinnen und Beter Tag und Nacht ab.[6] Von Erfurt aus verbreiteten sich die Friedensgebete im ganzen Land.[4] Das Donnerstagsgebet in St. Lorenz ist das älteste ununterbrochen gehaltene Friedensgebet im Osten Deutschlands, älter als das Leipziger.[7]
Von der Kirche zum Domplatz, Oktober 1989
Im Oktober 1989 kündigten ein evangelischer und ein katholischer Theologiestudent an, sie würden im Anschluss an das nächste Friedensgebet zur Andreaskirche gehen — ein „Gang der Betroffenheit“ zu der Kirche gegenüber dem Gebäude der Stasi; so zog die erste Erfurter Demonstration von St. Lorenz aus. Die Nachricht verbreitete sich schnell: Am nächsten Donnerstag um fünf sollte auf das Gebet der Protestzug folgen. Am 26. Oktober lud zusätzlich die Predigerkirche ein, ab der Woche darauf vier Innenstadtkirchen, die Lorenz-, Kaufmanns-, Prediger- und Wigbertkirche, bevor die Menschen mit brennenden Kerzen zur Kundgebung auf den Domplatz zogen, unter dem Ruf „Keine Gewalt!“.[6] Aus diesen Zügen wurden rasch die Donnerstagsdemonstrationen mit Zehntausenden.[3]
Die Gedenktafel an der Mauer, 2019–2023
Am 9. November 2019, dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, wurde an der Kirchenmauer eine Gedenktafel enthüllt, die St. Lorenz als Geburtsort der DDR-Friedensgebete ausweist. Die Europaabgeordnete Marion Walsmann, die die Tafel stiftete, hatte die Idee am 3. Oktober 2019 in einem ökumenischen Gottesdienst hier vorgestellt; zur Enthüllung kamen Alt-Oberbürgermeister Manfred Ruge, Bürgerrechtler und viele Christen. Die Tafel nennt den schulischen Wehrunterricht der SED-Diktatur als Auslöser der Gebete und ist von den evangelischen und katholischen Christen der Stadt sowie Bürgern Erfurts unterzeichnet. Am 19. Dezember 2023 ging ihr Entwurf an das Stadtmuseum Erfurt, wo er dauerhaft bewahrt wird.[4]
Pfarrkirche der Innenstadt, seit 2017
Seit 2017 ist St. Lorenz die Pfarrkirche der Innenstadtpfarrei St. Laurentius.[3] Den Sonntagsgottesdienst feiern alle Altersgruppen gemeinsam, Nightfever Erfurt lädt hier regelmäßig zu Gebet, Musik und Gesprächen ein, und Konzerte in der Kirche erreichen auch viele, die der Kirche sonst eher fernstehen; das Friedensgebet trifft sich weiterhin jeden Donnerstag.[2]
Was Besucher fragen
- Warum heißt St. Lorenz Geburtsort der Friedensgebete?
- Hier begannen am 7. Dezember 1978 die ersten ökumenischen Friedensgebete der DDR, als Antwort auf den an den Schulen eingeführten Wehrunterricht,[6] und von Erfurt aus verbreiteten sie sich im ganzen Land. Seit dem 9. November 2019 erinnert eine Gedenktafel an der Kirchenmauer daran.[4]
- Findet das Friedensgebet noch statt?
- Ja. Das ökumenische Friedensgebet trifft sich seit 1978 jeden Donnerstag in St. Lorenz; es ist das älteste ununterbrochen gehaltene Friedensgebet im Osten Deutschlands.[7]
- Wie alt ist die Lorenzkirche?
- Ihre älteste erhaltene Urkunde stammt von 1140, und nach dem Dom erhielt sie als erste Kirche Erfurts eigene Pfarrrechte. Turm und Teile der Westwand entstanden um 1300, das nördliche Seitenschiff und die Giebelfront zum Anger beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1413, die Apsis bei der Restaurierung von 1888 bis 1893.[1]
- Welche Rolle spielte St. Lorenz 1989?
- Im Oktober 1989 zog nach dem Friedensgebet hier die erste Erfurter Demonstration zur Andreaskirche gegenüber dem Stasi-Gebäude; danach gingen Friedensgebete in vier Innenstadtkirchen den Donnerstagszügen zum Domplatz voraus.[6]
- Was ist im Inneren zu sehen?
- Ein gotischer Flügelaltar, Heiligenfiguren des hohen und späten Mittelalters, eine seltene Christusfigur aus Sandstein an einer Säule, ein spätgotischer Taufstein und eine Klais-Orgel von 1935.[3]
- Wo steht St. Lorenz?
- Am Nordrand des Angers, am Beginn der Schlösserstraße, in der Pilse 30 mitten in der Erfurter Altstadt.[3]
Quellen (7)
- Die älteste Pfarrkirche der Stadt — Bistum Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Kirche St. Lorenz am Anger in Erfurt – Geburtsort der Friedensgebete — Katholische Pfarrei St. Laurentius Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- St. Lorenz (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- DDR-Friedensgebete: Entwurf der Gedenktafel ans Stadtmuseum übergeben — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Kirchen in Erfurt: St. Lorenz (Lorenzkirche) — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Wie das Friedensgebet entstand — Ökumenisches Friedensgebet Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Ökumenisches Friedensgebet wird 40 Jahre alt — Evangelischer Kirchenkreis Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Pilse 30, 99084 Erfurt
Aus der Geschichte von Erfurt
Historische Orte
Anger, 99084 Erfurt
St. Lorenz ist eine der Kirchen am Anger; ihr 40 Meter hoher Turm überstand den Stadtbrand von 1413.
Epochen
Christen beider Kirchen begannen hier im Dezember 1978 die ersten ökumenischen Friedensgebete der DDR, als Antwort auf den schulischen Wehrunterricht.
Fünfundvierzig Jahre lang war Weimar eine Provinzstadt, die der Staat sich nicht zu vernachlässigen leisten konnte — denn die Klassik, die sie verwahrte, war die Ahnenreihe, die die DDR für sich beanspruchte.
Rund um Weimar
20 km Westlich
Eine der ältesten Pfarrkirchen Erfurts steht am Anger, und in ihr begannen 1978 die ersten ökumenischen Friedensgebete der DDR.