Anger
Über diesen Ort
Der Anger ist die Hauptgeschäftsstraße Erfurts und war einst der Haupthandelsplatz der Stadt für Waid, Wein, Wolle und Weizen.[1] Rund 600 Meter lang und breit wie ein Platz, zieht er sich durch die südöstliche Altstadt, 500 Meter vom Hauptbahnhof über die Bahnhofstraße und 300 Meter östlich der Krämerbrücke — eine Fußgängerzone, in der sich alle sechs Stadtbahnlinien treffen, gesäumt von großstädtischen Geschäftshäusern der Gründerzeit in Historismus und Jugendstil und von Cafés und Restaurants, in denen vor allem Erfurter selbst sitzen.[2] Wer ihn abläuft, kommt an der Kirche vorbei, in der Luther predigte und Bachs Eltern heirateten, am Renaissancehaus, in dem Goethe und Schiller zu Gast waren, am barocken Packhof mit dem Kunstmuseum der Stadt, an einem mittelalterlichen Turm mit sechzig Glocken, an der neugotischen Hauptpost und am Monumentalbrunnen für die Blumenstadt.
Wiese und Waidmarkt, 1196–17. Jahrhundert
Anger heißt eine langgestreckte Wiese oder Weide, und die breite, platzartige Form hat die Straße bis heute behalten; 1196 nennt ein Schriftstück den zentralen Platz Erfurts zum ersten Mal so.[2] Mit dem Erfurter Zuchtbrief bekräftigte der Rat 1351 den Marktzwang für den Waid: Gekauft und verkauft werden durfte er in Erfurt nur auf dem Waidmarkt, dem Anger, jede Woche vom Trinitatistag bis Michaelis am 29. September, eröffnet mit einem Schlag an die Waidglocke.[3] Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert gehörte der östliche Anger ganz dem Handel mit Färberwaid, dem Erfurt seinen großen Reichtum verdankte; man nannte den Ort damals auch „Waydanger“.[2]
Luthers Predigt und Bachs Eltern in der Kaufmannskirche, 1248–1917
Die Kaufmannskirche gehört zu den ältesten Pfarrkirchen Erfurts: 1248 erstmals genannt, beim Stadtbrand 1291 weitgehend zerstört, ihr gotischer Neubau 1368 geweiht. Nachdem die Gemeinde 1521 die Reformation angenommen hatte, predigte Martin Luther hier am 22. Oktober 1522 vom Kreuz und Leiden eines rechten Christenmenschen; ein steinernes Kreuz in der Außenmauer zum Anger hin erinnert seit 1917 daran, und gleich an der Kirche steht das Lutherdenkmal von Fritz Schaper.[4] Die Kirche schließt den Anger nach Nordosten ab, und fast die ganze Familie Bach wohnte in ihrer Gemeinde: 61 Bach-Kinder wurden hier getauft und 12 Paare getraut, 1668 auch Johann Ambrosius Bach und Elisabeth Lämmerhirt, die Eltern Johann Sebastian Bachs.[5]
Goethe, Schiller und eine Humboldt-Hochzeit im Haus Dacheröden, 1557–1791
Das Doppelhaus Anger 37 und 38, heute Haus Dacheröden, birgt Mauern aus der Zeit um 1300 und gilt als ältester bekannter Bau am Anger. Seine heutige Gestalt mit dem prächtigen Renaissanceportal gab ihm 1557 der Ratsherr und Waidhändler Heinrich Vasold. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wohnte hier Karl Friedrich von Dacheröden, Freund und Berater des Statthalters Dalberg, mit seiner Tochter Caroline; Goethe und Schiller gingen damals im Haus ein und aus, und am 29. Juni 1791 heiratete Caroline hier Wilhelm von Humboldt, im Beisein Dalbergs und Alexander von Humboldts.[6] Goethe, Schiller, Hufeland und die Brüder Humboldt trafen sich hier zum Gedankenaustausch, und kein Fremder von Rang und Bildung soll Erfurt verlassen haben, ohne das Haus besucht zu haben.[7]
Vom Packhof zum Kunstmuseum, 1706–1920er Jahre
An der Kreuzung von Anger und Bahnhofstraße steht das Angermuseum, ein barocker Bau, zwischen 1706 und 1712 als kurmainzischer Pack- und Waagehof unter dem Statthalter Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg und Erzbischof Lothar Franz von Schönborn errichtet und damals einer der wichtigsten Neubauten für den wieder aufblühenden Erfurter Handel.[8] Im Giebel steht der Stadtpatron St. Martin, und im Erdgeschoss ist die Halle für die Wagenabfertigung erhalten.[2] 1886 eröffnete hier eine Gemäldegalerie, nachdem Friedrich Nerlys Sohn den künstlerischen Nachlass seines Vaters der Stadt geschenkt hatte; aus den rasch wachsenden Sammlungen gingen später Stadtmuseum, Thüringer Volkskundemuseum und Naturkundemuseum hervor, und der barocke Stadtpalast ist heute das Kunstmuseum der Landeshauptstadt.[9]
Heckels Wandbilder, 1922–1924
Angeregt von Museumsdirektor Walter Kaesbach und finanziert vom Erfurter Schuhfabrikanten Alfred Hess, malte Erich Heckel von 1922 bis 1924 den kleinen, hochgewölbten Erdgeschossraum des Angermuseums aus. Der Zyklus mit dem späteren Titel „Lebensstufen“ stellt die Welt des Mannes der Welt der Frau gegenüber, ein großes Lebenspanorama; es sind die wichtigsten erhaltenen Wandbilder des deutschen Expressionismus und die einzigen erhaltenen des „Brücke“-Mitbegründers Heckel.[10]
Der Bartholomäusturm und sein Carillon, 1182–1992
Am Anger 51, zwischen Weiter- und Grafengasse, ragt der Turm der Bartholomäuskirche auf, die schon 1182 bei der Einteilung der Stadt in Pfarreien genannt wird und zugleich Hofkirche der Grafen von Gleichen war. Die Kirche wurde 1571 geschlossen, brannte 1660 und wurde 1715 abgetragen; der Turm, laut Inschrift 1412 begonnen und 1468 mit einer sechskantigen Spitze versehen, blieb. 1979 zog ein Carillon mit 60 Bronzeglocken ins Obergeschoss ein — zusammen über 13 Tonnen, die größte Glocke 2.393 Kilogramm, die kleinste 10, fünf Oktaven Tonumfang —, und 1992 wurden die Glocken überarbeitet und die 1945 zerstörte Haube rekonstruiert. Nach dem Stundenschlag erklingen kurze, monatlich wechselnde Melodien, Carillonneure spielen Konzerte, und der Turm des Stadtmuseums lässt sich nach Voranmeldung besichtigen.[11]
St. Lorenz und die Wigbertikirche, 954–1878
Zwei weitere Kirchen stehen am Anger. St. Lorenz hat ihren 40 Meter hohen Turm bewahrt, der den Stadtbrand von 1413 überstand, und im Inneren sind der Hochaltar von 1448 und ein steinerner Schmerzensmann von 1440 zu sehen. Die Wigbertikirche an der westlichen Straßengabelung steht auf einem Areal, das 954 als Handelshof des Klosters Hersfeld erwähnt wird; ihr Turm stammt von 1409, die einschiffige spätgotische Halle mit Sterngewölbe von 1434, der Chor von 1473 bis 1475, und bis 1878 war die Turmspitze einer der bewohnten Feuerwachtürme der Stadt.[2]
Hauptpost und Angereck, 1882–2007
Die Hauptpost am Anger 66–73 entstand von 1882 bis 1886 als Kaiserliches Post- und Telegraphenamt nach Entwürfen der Bauabteilung im Reichspostamt unter August Kind und Julius Carl Raschdorff, in neogotischen Formen und mit dem Hauptpostturm an der Ecke; dessen Helm, im April 1945 durch Artilleriebeschuss zerstört, wurde bis 1949 vereinfacht wiedererrichtet, und seit der Modernisierung 2006–2007 beherbergt der Bau Läden und Büros.[12] Die Fassade verbindet Sandstein, Klinker und Terrakotta. Gegenüber, an der Ecke zur Schlösserstraße, steht seit 2000 das gläserne Angereck mit der Buchhandlung Hugendubel, auf einer Fläche, deren Bebauung der Bombenangriff vom 20. Juli 1944 zerstört hatte.[2]
Der Angerbrunnen, 1876–2013
Am Westende des Angers steht der Angerbrunnen, den Magistrat und Verschönerungsverein 1876 beschlossen, um die fertiggestellte Zentralwasserleitung zu würdigen. Den Wettbewerb gewann der Berliner Architekt und Kunstgewerbler Heinrich Stöckhardt mit einem Brunnen für die beiden Säulen des Erfurter Aufschwungs: die Blumengöttin Flora zwischen Ähren und Rosen für den Gartenbau, eine Männergestalt mit Hammer und Schraubstock für Industrie und Handwerk. Enthüllt wurde er am 6. September 1890 vor einer großen Menschenmenge — eine Verbeugung vor dem Erwerbsgartenbau, der den Ruf der Blumenstadt begründete. Nach der Sanierung von Stein, Bronzen und Wassertechnik wurde der Brunnen 2013 wieder eingeweiht.[13]
Kaufhäuser und eine Flaniermeile, 1906–1979
Die Gründerzeit machte den Anger zur Prachtstraße großer Geschäftshäuser. Anger 1 am östlichen Ende entstand 1906–1908 nach Plänen von Albert und Ernst Giese als Kaufhaus Römischer Kaiser und ist heute die Einkaufsgalerie Anger 1. Ab 1974 wurde der Anger zur Fußgängerzone und zum Einkaufsboulevard, die Straßenbahn fährt weiter hindurch, und 110 Fassaden wurden restauriert oder neu gestaltet; den Auftrag für die Farbgebung erhielt 1976 der in Erfurt geborene Weimarer Künstler Horst Jährling, der eine Flanierzone schaffen wollte und kein Architekturmuseum.[2]
Was Besucher fragen
- Wo liegt der Anger in Erfurt?
- In der südöstlichen Altstadt, 500 Meter vom Hauptbahnhof über die Bahnhofstraße und 300 Meter östlich der Krämerbrücke. Dort treffen sich alle sechs Stadtbahnlinien.[2]
- Warum war der Anger im Mittelalter so wichtig?
- Er war Erfurts Waidmarkt: Seit dem Zuchtbrief von 1351 durfte in Erfurt nur auf dem Anger mit Waid gehandelt werden, dem Farbstoff, der die Stadt reich machte.[3]
- Was verbindet den Anger mit Luther und Bach?
- Martin Luther predigte am 22. Oktober 1522 in der Kaufmannskirche am Anger,[4] und 1668 wurden dort die Eltern Johann Sebastian Bachs getraut.[5]
- Waren Goethe und Schiller am Anger?
- Ja. Beide gingen gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Haus Dacheröden am Anger 37–38 ein und aus, in dem Caroline von Dacheröden am 29. Juni 1791 Wilhelm von Humboldt heiratete.[6]
- Was ist das Angermuseum?
- Das Kunstmuseum der Stadt Erfurt, seit 1886 im barocken kurmainzischen Pack- und Waagehof von 1706 bis 1712; im Erdgeschoss sind Erich Heckels Wandbilder von 1922 bis 1924 zu sehen.[8]
- Was ist das Carillon im Bartholomäusturm?
- Ein Glockenspiel mit 60 Bronzeglocken, 1979 im mittelalterlichen Turm am Anger 51 eingebaut; nach dem Stundenschlag spielt es kurze Melodien, und der Turm lässt sich nach Voranmeldung besichtigen.[11]
Verbundene Persönlichkeiten
Reformator • Theologe • Prediger
Er predigte am 22. Oktober 1522 in der Kaufmannskirche am Anger; sein Denkmal steht an der Kirche.
Dichter • Staatsmann • Naturforscher
Er ging im Haus Dacheröden am Anger ein und aus, dem Haus Karl Friedrich von Dacherödens.
Dichter • Dramatiker • Historiker
Er ging im Haus Dacheröden am Anger ein und aus, in den Jahren, als Caroline von Dacheröden dort den Haushalt führte.
Quellen (13)
- Der Anger - Das lebendige Zentrum der Stadt — Erfurt Tourismus & Marketing GmbH, abgerufen am 13. September 2026
- Anger (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- 1315 – 1472 | Auf dem Höhepunkt der Machtentfaltung — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Vom rechten Christenmenschen: Luthers Predigt in der Erfurter Kaufmannskirche — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Die Kaufmannskirche — Evangelische Kaufmannsgemeinde Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Haus Dacheröden: Bau- und Nutzungsgeschichte — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Haus Dacheröden: Persönlichkeiten — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Angermuseum: Haus und Außenstellen — Kunstmuseen Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Angermuseum Erfurt — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Der Heckelraum im Angermuseum — Kunstmuseen Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Bartholomäusturm — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Hauptpostamt Erfurt — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Wieder eingeweiht: Monumentalbrunnen auf dem Anger wurde umfassend saniert — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Anger, 99084 Erfurt
50.9761, 11.0342
Aus der Geschichte von Erfurt
Historische Orte
Pilse 30, 99084 Erfurt
St. Lorenz ist eine der Kirchen am Anger; ihr 40 Meter hoher Turm überstand den Stadtbrand von 1413.
Rund um Weimar
20 km Westlich
Erfurts Hauptgeschäftsstraße und einstiger Waidmarkt, Knotenpunkt der Stadtbahn und Standort des Kunstmuseums.