Stadtkirche St. Michael
Über diesen Ort
Die Stadtkirche St. Michael ist die Hauptkirche Jenas: eine spätgotische Hallenkirche, 1380 begonnen und im 16. Jahrhundert vollendet, eine der größten ihrer Art in Thüringen, mit langer Schaufassade und einem Turm, der weit ins Saaletal hinein zu sehen ist.[1][2] Drinnen stehen die steinerne Kanzel, von der Martin Luther 1524 und 1529 predigte, und Luthers bronzene Grabplatte, gegossen für sein Grab in Wittenberg und 1571 von einem Weimarer Herzog der Universität Jena geschenkt.[1] Gleich zwei der Sieben Wunder Jenas gehören zur Kirche: der Angelus jenensis, ein um 1240 geschnitzter Erzengel, und der gewölbte Durchgang unter dem Altar, einst der einzige Zugang zum Kloster hinter der Kirche.[2][1]
Von zwei Vorgängerbauten zur großen Hallenkirche, 11. Jahrhundert–1557
Vor der heutigen Kirche standen hier zwei romanische Bauten; Grabungsfunde deuten auf einen Sakralbau des 11. oder frühen 12. Jahrhunderts inmitten eines schon im 7./8. Jahrhundert angelegten Friedhofs, und was davon blieb, zeigt die Krypta unter dem Chor. Die Hallenkirche wurde ab 1380 gebaut, nach der Fertigstellung des Rathauses. Bis 1450 entstanden Chor, Altarraumgewölbe, die drei östlichen Langhausjoche und die Südfassade bis zum sechsten Joch; nach rund dreißig Jahren Baupause folgten von 1474 bis 1557 der Abschluss des Langhauses und der Turm, den der Rat der Stadt in Auftrag gab und bezahlte.[2] Die Kirche wuchs an der damals wichtigen Handelsstraße von Erfurt nach Altenburg, und ihre lange, repräsentative Fassade dürfte die Reisenden tief beeindruckt haben.[3]
Der Engel und der Durchgang unter dem Altar, um 1240–1301
Das bedeutendste Kunstwerk der Kirche ist der Angelus jenensis, der Erzengel Michael mit Lanze, Schwert und Drache, um 1240 in einer Bamberger Werkstatt aus Linden- und Eichenholz geschnitzt; Michael ist seit dem 13. Jahrhundert Patron der Kirche wie der Stadt, und im alten Merkvers der Jenaer Wunder, „Angelus, Ara, Caput, Mons, Pons, Vulpecula Turris“, stand der Engel an erster Stelle.[2] Ein weiteres Wunder, die Ara, ist der überwölbte Durchgang unter dem Altar, 3,5 Meter hoch, 3 Meter breit und im Kirchenbau eine große Seltenheit: Durch ihn führte der einzige Weg zu dem Zisterzienserinnenkloster, das 1301 hinter der Kirche gegründet worden war.[1]
Portale, Nonnenempore und Herzogsgruft, Mittelalter–17. Jahrhundert
Die Südfassade, die Schauseite der Kirche, hat zwei Eingänge: das Gerichtsportal und weiter östlich das reich geschmückte Brautportal. Im Mittelalter galt die Trauung als weltliche Handlung und fand vor der Brauttür statt; danach zog der Priester mit dem Paar zur Brautmesse in die Kirche. Die Nordempore war den Nonnen des benachbarten Klosters vorbehalten, und ein Beichtfenster verbindet dort zwei kleine Räume, den einen von der Nonnenseite, den anderen vom Kirchenraum aus zugänglich. Unter dem Chor liegt eine Unterkirche, deren nördlicher Teil Ende des 17. Jahrhunderts den Herzögen von Sachsen-Jena als Gruft diente.[2]
Luthers Kanzel, 1524 und 1529
Die steinerne Kanzel stammt aus der Zeit vor 1507, und von ihr predigte Martin Luther 1524 und 1529 mehrfach — ein Beitrag zur Ausbreitung der Reformation in Jena.[2][3] Die Reformation räumte den Kirchenraum um: Altäre und Bilder verschwanden oder wurden umgestaltet, und mit ihnen manches andere Stück der alten Ausstattung.[3]
Eine Grabplatte aus Erfurt, verwahrt in Weimar, geschenkt an Jena, 1546–1571
Nach Luthers Tod am 18. Februar 1546 beauftragte Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige den Erfurter Bronzegießer Heinrich Ciegeler den Jüngeren mit einem bronzenen Epitaph für das Grab in der Wittenberger Schlosskirche, wohl nach einem Holzschnitt Lucas Cranachs des Älteren; 1548 wurde es in Erfurt gegossen, und das geschnitzte Holzmodell steht bis heute in der Erfurter Andreaskirche. Inzwischen hatte der Kurfürst den Krieg von 1547 und mit ihm Wittenberg verloren, und seine Söhne ließen die Platte in ihre Residenz Weimar bringen. 1571 schenkte Herzog Johann Wilhelm sie der Universität Jena, wo Luthers Erbe nach seiner Überzeugung rein bewahrt bliebe; eigentlich nur vorläufig in St. Michael aufgestellt, ist sie seitdem dort geblieben, während Wittenberg 1872 einen Abguss erhielt.[4]
Orgeln und Glocken, 1706–1963
1706 baute Georg Christoph Stertzing unter der Leitung des Organisten und Komponisten Johann Nikolaus Bach eine neue Orgel, 44 Register auf drei Manualen, und zu den späteren Organisten der Kirche gehörte Max Reger. Die Sauer-Orgel von 1909, mit 92 Registern auf vier Manualen damals die größte Orgel Mitteldeutschlands, ging bei den Bombenangriffen im März 1945 verloren; die heutige, vierte Orgel baute 1963 Alexander Schuke aus Potsdam, mit 51 Registern. Die fünf Glocken goss 1947 die Glockengießerei Schilling in Apolda; sie läuten mit dem Parsifal-Motiv Richard Wagners.[2]
Zerstörung und Wiederherstellung, 1945–2014
Wie der ganze Stadtkern wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Bis 1956 entstand der Innenraum unter dem Jenaer Architekten Hans Schlag mit Achteckpfeilern und Sterngewölbe neu; zur Erinnerung an die Zerstörung vom 19. März 1945 ist das Gewölbe auf der Turmseite schlichter, während das unzerstörte östliche Langhaus sein reicheres Gewölbe mit vergoldeten Schlusssteinen behielt. Seit 1996 wird die Kirche nach ihrer Gestalt um die Mitte des 16. Jahrhunderts restauriert: Der Turm erhielt seine Renaissancehaube zurück, gefeiert am 26. Mai 2000, 2002 bis 2007 folgten das barocke Mansarddach und die Fassaden, und bis 2014 wurde das Brautportal saniert, dessen Bogenfeld Christine Triebsch mit einer modernen, teiltransparenten Glasgestaltung neu schuf.[2] Heute steht St. Michael unter Denkmalschutz.[3]
Die Hauptkirche der Stadt, heute
Seit mehr als 750 Jahren ist St. Michael der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens in Jena und die Hauptpredigtkirche des Kirchenkreises, mit regelmäßigen Gottesdiensten, Zeiten des Gebets und der Stille und Kirchenmusik; der Turm kann bestiegen werden.[2][1]
Was Besucher fragen
- Warum liegt Luthers Grabplatte in Jena und nicht in Wittenberg?
- Sie wurde 1548 in Erfurt für Luthers Grab in Wittenberg gegossen, doch nach dem Schmalkaldischen Krieg brachten die Söhne Kurfürst Johann Friedrichs sie nach Weimar, und 1571 schenkte Herzog Johann Wilhelm sie der Universität Jena; seitdem ist sie in St. Michael, und Wittenberg erhielt 1872 einen Abguss.[4]
- Hat Martin Luther in St. Michael gepredigt?
- Ja. Er predigte 1524 und 1529 mehrfach von der steinernen Kanzel, die aus der Zeit vor 1507 stammt.[2][3]
- Welche der Sieben Wunder Jenas gehören zur Kirche?
- Der Angelus jenensis, der um 1240 geschnitzte Erzengel Michael, und die Ara, der gewölbte Durchgang unter dem Altar, der einst zum Kloster hinter der Kirche führte.[2][1]
- Wie alt ist die Stadtkirche?
- Die Hallenkirche wurde 1380 begonnen und 1557 mit dem Turm vollendet; zuvor standen hier zwei romanische Kirchen, deren Reste in der Krypta zu sehen sind.[2]
- Kann man die Kirche besichtigen und den Turm besteigen?
- Ja. Die Kirche ist täglich geöffnet, und der Turm kann bestiegen werden; die aktuellen Zeiten während der Restaurierungsarbeiten stehen in den Besucherinformationen.[1]
Verbundene Persönlichkeiten
Reformator • Theologe • Prediger
Luther predigte 1524 und 1529 von ihrer steinernen Kanzel, und die für sein Wittenberger Grab gegossene Bronzeplatte wird seit 1571 hier bewahrt.
Herzog • Kurfürst
Er gab die bronzene Grabplatte für Luther in Auftrag, die sein Sohn Johann Wilhelm 1571 der Universität Jena schenkte und die heute in dieser Kirche steht.
Quellen (4)
- Stadtkirche St. Michael — JenaKultur / Visit Jena, abgerufen am 13. September 2026
- St. Michael (Jena) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Stadtkirche St. Michael — Kulturdenkmale in Jena (JenaKultur), abgerufen am 13. September 2026
- Epitaph für Martin Luther — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Täglich 10–17 Uhr geöffnet. Derzeit wird restauriert; die zugänglichen Bereiche sind vor Ort ausgeschildert.
Kirchplatz 1, 07743 Jena
Aus der Geschichte von Jena
Rund um Weimar
19 km Östlich
Die Hauptkirche Jenas, eine spätgotische Hallenkirche in der Altstadt, mit Luthers Kanzel und seiner bronzenen Grabplatte.