Großherzogtum und Verfassung, 5. Mai 1816
Der Wiener Kongress machte Carl August 1815 zum Großherzog eines vergrößerten Landes; am 5. Mai 1816 gab er ihm die erste Verfassung in Deutschland nach den Befreiungskriegen – mit gewähltem Landtag und voller Pressefreiheit.
Weimars zweites Gründungsdatum nach Goethes Ankunft ist ein Gesetz. Vom Wiener Kongress 1815 kam Herzog Carl August, unterstützt von seiner russischen Schwiegertochter Maria Pawlowna, als Großherzog eines Landes zurück, das fast doppelt so viele Menschen zählte wie zuvor, und der vergrößerte Staat brauchte eine neue Ordnung. Am 5. Mai 1816 verkündete er das „Grundgesetz über die Landständische Verfassung des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach“: einunddreißig gewählte Abgeordnete der Rittergutsbesitzer, Bürger und Bauern, keine Steuer ohne ihre Bewilligung, Mitwirkung an der Gesetzgebung und die Pressefreiheit im Gesetzestext. Es war die erste Landesverfassung in Deutschland, die nach den Befreiungskriegen in Kraft trat, und für ein paar Jahre schaute das liberale Deutschland auf das kleine Großherzogtum an der Ilm – bis die Großmächte Carl August zwangen, die Karlsbader Beschlüsse von 1819 durchzuführen.[1]
Wien 1815: Großherzog, und 1700 Quadratkilometer dazu
Carl August hatte den letzten Feldzug selbst mitgemacht – 1814 befreite das Korps unter seinem Befehl die Niederlande und Belgien – und er nahm am Wiener Kongress persönlich teil.[1] Jetzt zahlte sich die Heirat seines Sohnes Carl Friedrich mit der Zarentochter von 1804 aus: Dem Einfluss Alexanders I. verdankte der Herzog die Erhebung zum Großherzog und einen Zuwachs von rund 1700 Quadratkilometern – Teile des Kreises Neustadt an der Orla aus Sachsen, große Teile der alten Mainzer Exklave Erfurt, kleine Herrschaften wie Blankenhain und Kranichfeld und in der Rhön ein neu geschaffenes Eisenacher Oberland aus ehemals hessischem und fuldischem Gebiet.[2] Die Bevölkerung wuchs von etwa 100.000 auf etwa 180.000, und der Zuwachs gab den Anstoß zu einer Reform des Staates; sie begann damit, dass aus dem Geheimen Consilium ein Staatsministerium wurde, das dem Fürsten verantwortlich war.[1]
Ein Dekret am Geburtstag der Herzogin, 30. Januar 1816
Der Weg zur Verfassung führte über die Stände, die das Land schon hatte. Carl August hatte die getrennten Landschaften seiner drei alten Landesteile 1809 zu einer allgemeinen Deputation vereinigt; nun, eingedenk des Artikels 13 der Bundesakte vom 8. Juni 1815, der jedem Staat des Deutschen Bundes eine landständische Verfassung versprach, berief er die Deputierten der alten und Abgeordnete der neuen Lande zusammen mit einigen Staatsdienern, um die Bedingungen auszuhandeln, unter denen die Stände ihre Rechte ausüben sollten.[3] Den Tag dafür wählte er mit Bedacht: den 30. Januar, Luises Geburtstag, den er zum Tag für wichtige Maßnahmen für das Land gemacht hatte.[4] Die Versammlung arbeitete einen Entwurf aus, und der Großherzog, von seinem Staatsminister Karl August von Gersdorff beraten, bestätigte ihn mit wenigen Änderungen, die nichts Wesentliches berührten.[3]
Was das Gesetz vom 5. Mai 1816 bestimmte
Das Grundgesetz erkannte drei Stände an – Rittergutsbesitzer, Bürger und Bauern – und ließ alle drei durch Männer vertreten, die aus ihrer Mitte frei gewählt wurden. Einunddreißig Abgeordnete bildeten den Landtag, elf der Rittergutsbesitzer, zehn der Bürger und zehn der Bauern, jeder auf sechs Jahre gewählt und jeder mit einem Stellvertreter; ein ordentlicher Landtag trat alle drei Jahre in der ersten Januarwoche zusammen, in der Regel in Weimar.[3] Ohne ausdrückliche Bewilligung der Stände durfte keine Steuer, keine Abgabe und keine Anleihe erhoben werden; sie prüften die Staatsbedürfnisse und die Rechnungen und wirkten an der Gesetzgebung mit.[3] Den elften Sitz des ersten Standes hielt die Universität Jena, die eigene Rittergüter besaß und ein Mitglied ihres Senats schickte.[5] Und das Gesetz gewährte ausdrücklich die Pressefreiheit, die in der Praxis schon bestand.[1]
Warum Deutschland nach Weimar blickte, 1816–1817
Kein anderes Land in Deutschland erhielt nach den Befreiungskriegen früher eine solche Verfassung als Sachsen-Weimar-Eisenach.[5] Ihre Züge waren älter als die modernen Parlamente – Stände, keine Volksvertretung –, doch mit dem Steuerbewilligungsrecht und der Mitwirkung des Landtags an der Gesetzgebung, einer vergleichsweise angemessenen Vertretung der Bauern und voller Pressefreiheit kam sie den Strömungen der Zeit weit mehr entgegen als andernorts; sie erregte erhebliches Aufsehen und weckte früh konstitutionelle Hoffnungen in Deutschland.[1] Der Großherzog ging noch weiter: Er begünstigte die Burschenschaft, die die Jenaer Studenten 1815 als erste in Deutschland gegründet hatten, und ließ sie im Oktober 1817 das Wartburgfest feiern – Unterstützung nicht nur für die studentische Reformbewegung, sondern mittelbar auch für die nationalen und liberalen Bestrebungen dahinter.[1]
Die Karlsbader Beschlüsse und das lange Leben des Gesetzes, 1819–1918
Diese Politik brachte Carl August die heftigen Vorwürfe der Großmächte der Heiligen Allianz ein; eine Weile hielt er ihnen stand, doch die Karlsbader Beschlüsse von 1819, nun Bundesgesetz, musste er durchführen.[1] Die Verfassung selbst überlebte ihn. Nach den Reformen von 1848 wurde sie am 15. Oktober 1850 revidiert, und unter ihr blieb das Großherzogtum eine konstitutionelle, im Mannesstamm erbliche Monarchie, bis die Revolution von 1918 die Monarchie beendete; der Landtag, den sie schuf, tagte von 1816 bis 1918 in Weimar.[6]
Was Besucher fragen
- Seit wann war Sachsen-Weimar-Eisenach ein Großherzogtum?
- Seit 1815, durch Beschluss des Wiener Kongresses, auf dem Carl August mit Hilfe seiner Schwiegertochter Maria Pawlowna und des Einflusses von Zar Alexander I. den Großherzogstitel und rund 1700 Quadratkilometer neues Land gewann; die Bevölkerung wuchs von etwa 100.000 auf etwa 180.000.
- Was war die Verfassung vom 5. Mai 1816?
- Das „Grundgesetz über die Landständische Verfassung des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach“, von Carl August am 5. Mai 1816 verkündet: einunddreißig gewählte Abgeordnete der Rittergutsbesitzer, Bürger und Bauern in einem Landtag, keine Steuer und keine Anleihe ohne dessen Bewilligung, Mitwirkung an der Gesetzgebung und Pressefreiheit. Die erste Verfassung dieser Art in Deutschland nach den Befreiungskriegen.
- Wer saß im Landtag von 1816?
- Elf Abgeordnete der Rittergutsbesitzer, darunter ein Senator der Universität Jena, zehn der Bürger und zehn der Bauern, jeder auf sechs Jahre gewählt; ein ordentlicher Landtag trat alle drei Jahre im Januar zusammen, in der Regel in Weimar.
- Was hat die Verfassung mit Herzogin Luise zu tun?
- Das Dekret vom 30. Januar 1816, das die Deputierten zur Ausarbeitung berief, erging an ihrem Geburtstag – dem Tag, den Carl August für wichtige Maßnahmen für das Land reserviert hatte.
- Was wurde nach 1819 aus der Verfassung?
- Carl August musste die Karlsbader Beschlüsse von 1819 gegen die Freiheiten durchsetzen, die sein Gesetz gewährt hatte. Die Verfassung selbst wurde 1850 revidiert und galt, bis die Monarchie 1918 endete.
Quellen (6)
- Karl August, Herzog, seit 1815 Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach — Deutsche Biographie (NDB 11, 1977; ADB 15, 1882), abgerufen am 14. September 2026
- Sachsen-Weimar-Eisenach — Wikipedia, abgerufen am 14. September 2026
- Grundgesetz über die Landständische Verfassung des Großherzogthums Sachsen-Weimar-Eisenach vom 5. Mai 1816 — verfassungen.de, abgerufen am 14. September 2026
- Luise, Herzogin (seit 1775), Großherzogin (seit 1815) von Sachsen-Weimar-Eisenach — Deutsche Biographie (NDB 15, 1987), abgerufen am 14. September 2026
- Landtag des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach — Wikipedia, abgerufen am 14. September 2026
- Saxe-Weimar-Eisenach — Wikipedia, abgerufen am 14. September 2026
Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
1757–1828 • Herzog • Großherzog • Mäzen
1815 kam er als Großherzog aus Wien zurück und verkündete am 5. Mai 1816 die Verfassung – die Tat, an der seine Regierung gemessen wird.
1757–1830 • Herzogin • Großherzogin
Das Dekret, das die Ausarbeitung in Gang setzte, erging an ihrem Geburtstag, dem 30. Januar 1816.
1786–1859 • Großherzogin • Mäzenin
Ihre russische Verbindung brachte ihrem Schwiegervater auf dem Wiener Kongress den Großherzogstitel und die neuen Gebiete.
Epoche
1775–1832
Die politische Gestalt, die das klassische Herzogtum in Goethes späteren Jahren annahm.
Übernachten und essen in der Nähe
Rund um Weimar
19 km Östlich
Die Universität hielt den elften Sitz des ersten Standes, und die Burschenschaft ihrer Studenten von 1815 und das Wartburgfest von 1817 waren das erste öffentliche Echo der Verfassung.