Luise von Hessen-Darmstadt
Auch bekannt als: Louise, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach
Biografie
Luise von Hessen-Darmstadt (1757–1830) war dreiundfünfzig Jahre lang die Frau Carl Augusts – und die Frau, die sich 1806 zwischen Weimar und Napoleon stellte. Am 3. Oktober 1775 in Karlsruhe getraut und zwei Wochen später unter Glockengeläut in Weimar eingeholt, lebte sie im Schatten ihrer Schwiegermutter Anna Amalia und an der Seite eines Mannes, dessen Temperament zu ihrem nie passte; Goethe schrieb ihr Stücke und richtete ihr Feste im Park aus, Herder las mit ihr Shakespeare und Latein. Am 15. Oktober 1806, einen Tag nach der Schlacht bei Jena, nahm der französische Kaiser Quartier im Stadtschloss, während seine Soldaten die Stadt plünderten – und die Herzogin, als Einzige ihrer Familie geblieben, empfing ihn, verteidigte ihm ins Gesicht ihren abwesenden Mann und erreichte, dass die Plünderung endete. Das Herzogtum blieb bestehen, und Weimar sah in ihr seither seine Landesmutter. Seit 1815 Großherzogin, starb sie am 14. Februar 1830 und ruht neben Carl August in der Fürstengruft.
Berlin, Darmstadt und Sankt Petersburg, 1757–1774
Louise Auguste kam am 30. Januar 1757 in Berlin zur Welt, als jüngste Tochter des Erbprinzen Ludwig von Hessen-Darmstadt – General in preußischen Diensten, ab 1768 Landgraf Ludwig IX. – und der Karoline von Pfalz-Zweibrücken, der „großen Landgräfin“.[1] Der Vater blieb lieber bei seinen Regimentern in Pirmasens als bei der Familie; erzogen wurden die Kinder von der Mutter – evangelisch, literarisch, musikalisch, zuerst im ländlichen Buchsweiler und ab 1765 im Darmstädter Schloss.[2] 1773 reiste sie mit Mutter und Schwestern nach Sankt Petersburg, wo Katharina II. unter den Darmstädter Prinzessinnen die Frau für ihren Sohn Paul aussuchte; die Wahl fiel auf die Schwester Wilhelmine, und Luise, in den Katharinenorden aufgenommen, fuhr froh nach Hause, dass nicht sie es geworden war.[3] Binnen eines Jahres starb die Mutter, und Luise fand Aufnahme bei ihrer Schwester Amalie in Karlsruhe.[2]
Von Karlsruhe nach Weimar, 1774–1775
Die Weimarer Verbindung fädelte im Herbst 1774 vor allem Carl Theodor von Dalberg ein, der kurmainzische Statthalter in Erfurt: Über Luises Schwestern hätte der junge Herzog Verwandtschaft mit den Hohenzollern in Berlin und den Romanows in Sankt Petersburg gewonnen.[2] Carl August brach in jenem Winter mit seinem Bruder Constantin zur Kavalierstour auf, lernte in Frankfurt den fünfundzwanzigjährigen Goethe kennen und in Karlsruhe Luise; am 19. Dezember 1774 verlobten sich die beiden Achtzehnjährigen.[1] Am 3. September 1775 wurde er volljährig und übernahm die Regierung, zwei Wochen darauf fuhr er zur Hochzeit: Die Trauung in Karlsruhe am 3. Oktober fiel nüchtern aus, der Einzug in Weimar am 17. Oktober dagegen wurde mit Glocken und Kanonendonner gefeiert.[1] Das Paar bezog das Fürstenhaus neben der Bibliothek, damals ein schmuckloses Haus; Herzoginwitwe Anna Amalia zog ins Wittumspalais, das sie bis zu ihrem Tod bewohnte.[1]
Eine Ehe zweier Temperamente, 1775–1792
Luise hielt auf höfische Form und vornehme Zurückhaltung; ihr Mann war laut, ungestüm und nahm es mit den Formen nicht genau. Die beiden, die anfangs Gefallen aneinander gefunden hatten, taten sich schwer miteinander, Herder und Lavater vermittelten.[2] Goethe, der Herzogin von Anfang an schwärmerisch zugetan, schrieb 1776 an Lavater, man solle über Karl und Louise ruhig sein: Sie würden noch eines der glücklichsten Paare werden, wie sie eines der besten seien.[2] Zwischen 1779 und 1792 brachte Luise sieben Kinder zur Welt, drei davon wurden erwachsen. Als am 2. Februar 1783 der Erbprinz Carl Friedrich geboren wurde, läuteten in ganz Weimar die Glocken, es wurde Salut geschossen, und die Bürger zogen drei Abende lang mit Musik vor das Schloss; Herder taufte den Prinzen.[1] Am 18. Juli 1786 folgte Caroline Louise, am 30. Mai 1792 Bernhard, der spätere Soldat von Waterloo und Kommandant der Insel Java.[1]
Freundschaft statt Ehe, 1792–1809
Gegen Ende der 1790er Jahre, die dynastische Pflicht erfüllt, wurde aus der Ehe eine Freundschaft – und die hielt.[2] Die lange Verbindung des Herzogs mit der Schauspielerin Caroline Jagemann, aus der drei Kinder hervorgingen und die bis 1828 währte, bestand mit Luises Einverständnis; als Caroline, 1809 zur Frau von Heygendorf erhoben, ihren ersten Ball gab, war die Herzogin unter den Gästen.[1]
Goethes Luisenkloster und Herders Lateinstunden, 1778–1790
Goethe fand immer neue Wege, die Herzogin aus der Vereinsamung zu holen, die ihr neben einer übermächtigen Schwiegermutter drohte: Stücke wie „Lila“ und den „Planetentanz“, die er ihr widmete, und Feste im Park wie das Luisenfest.[2] Zu ihrem Namenstag 1778 ließ er am Hang der Ilm eine ganze Anlage errichten, das Luisenkloster, teils als Kulisse für ein allegorisches Spiel; die kleine ovale Hütte mit Fichtenrinde, die dazugehörte, das Borkenhäuschen, steht noch heute im Park nahe dem Shakespeare-Denkmal.[4] Goethe nannte sie eine „verschlossene Natur“ und gab ihr in der Prinzessin seines „Tasso“ ein verklärtes Bild.[2] An den Liebhaberaufführungen in Tiefurt und Ettersburg nahm sie nie teil, dem „Tiefurter Journal“ blieb sie fern; was sie suchte, war der Umgang mit bedeutenden Menschen, und den fand sie in den 1780er Jahren bei Herder, mit dem sie Shakespeare las und jahrelang Latein trieb.[2]
15. Oktober 1806: allein vor Napoleon
Am Tag nach der Schlacht von Jena und Auerstedt, dem 15. Oktober 1806, zog Napoleon in Weimar ein und nahm Quartier im Stadtschloss, während seine Soldaten die Stadt plünderten. Carl August stand als preußischer General im Feld und marschierte Richtung Stendal, der Erbprinz und seine Frau waren fort, Anna Amalia in Kassel.[1] Luise war gegen den Willen ihres Mannes geblieben, inmitten Hunderter verängstigter Frauen und Kinder, die sie im Schloss aufgenommen hatte.[2] Der Schuhmachermeister Johann Heinrich Petri stand ihr zur Seite, als sie dem Kaiser gegenübertrat.[3] Napoleon grüßte sie mit kalter Reverenz; bei der Audienz am nächsten Morgen ließ er sich gegen den abwesenden Herzog aus, und sie hielt ihm entgegen, gerade er müsse wissen, dass langjährige Soldatendienste erst recht in der Not Treue verlangten.[2] Die Plünderung wurde eingestellt, und das Land blieb bei seiner Dynastie.[2]
Die Frau, der zweihundert Kanonen keine Angst machten, 1806–1825
Über sie sagte Napoleon später, da sei doch eine Frau, der zweihundert Kanonen keine Angst hätten machen können.[2] Theodor Goetz aus Weimar hat die Begegnung später gemalt: die Herzogin mit weißer Spitzenhaube oben an der Schlosstreppe, der Kaiser im Aufstieg, die Hand auf der Brüstung mit dem sachsen-weimarischen Wappen.[5] Der Dank der Stadt kam am 14. Oktober 1825, neunzehn Jahre nach der Schlacht: Aus den Händen Goethes und seiner Freunde nahm sie die Medaille des geretteten Weimar entgegen.[2]
Landesmutter und die Verfassung, 1806–1816
Von jenem Tag an galt Luise als Landesmutter, und Carl August schätzte sie mehr und mehr als seine engste politische Vertraute: Die Briefe, die er ihr aus den Befreiungskriegen und vom Wiener Kongress schrieb, sind kaum zu zählen.[2] Als Weimar 1813 wieder besetzt war, sorgte sie für die Stadt, und 1814 übergab sie ihren gesamten Schmuck der Landschaftsdeputation zur Linderung der allgemeinen Not.[2] Der Wiener Kongress erhob das Land 1815 zum Großherzogtum und Luise zur Großherzogin, ein Titel, auf den sie wenig gab.[2] Carl August machte ihren Geburtstag, den 30. Januar, zum Tag für Maßnahmen, die dem Land wichtig waren: An ihm erließ er 1816 das Dekret, das die Ausarbeitung der Verfassung anstieß – der ersten Landesverfassung in Deutschland, die verwirklicht wurde.[2] Über die Schwiegertochter Maria Pawlowna brachte die russische Verbindung die Zaren Alexander I. und Nikolaus I. nach Weimar.[3]
Marienthal, Fürstenhaus und Gruft, 1807–1830
Nach Anna Amalias Tod am 10. April 1807 sammelte sich der literarische Kreis des Hofes um Luise, Madame de Staël unter den neuen Freunden.[2] Die Freundschaft mit Goethe blieb besonders eng; sie besuchte ihn oft, bis die nachlassende Gesundheit sie mit den Getreuesten ihres Hofstaats für immer längere Wochen ins stille Jagdschloss Marienthal bei Eisenach zog.[2] Carl August starb am 14. Juni 1828; Luise zog wieder ins Fürstenhaus, wo ihre Ehe einst begonnen hatte, und die Enkel – unter ihnen die spätere Kaiserin Augusta und Großherzog Carl Alexander – erhellten ihre letzten Jahre.[2] Am Sonntag, dem 14. Februar 1830, starb sie mit dreiundsiebzig Jahren in Weimar; vier Tage später kam ihr Sarg in die Fürstengruft, neben den Carl Augusts, nach dreiundfünfzig gemeinsamen Jahren.[1]
Was Besucher fragen
- Wer war Luise von Hessen-Darmstadt?
- Eine Prinzessin aus Hessen-Darmstadt, geboren am 30. Januar 1757 in Berlin, die am 3. Oktober 1775 Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach heiratete, dreiundfünfzig Jahre lang Herzogin und ab 1815 Großherzogin war und am 14. Februar 1830 in Weimar starb. In Erinnerung geblieben ist vor allem ihr Auftreten vor Napoleon im Stadtschloss am 15. Oktober 1806.
- Was geschah 1806 zwischen Herzogin Luise und Napoleon?
- Am Tag nach der Schlacht bei Jena empfing Luise – der Herzog im Feld, die übrige Familie fort – Napoleon im Schloss, während seine Truppen Weimar plünderten. Bei der Audienz am nächsten Morgen verteidigte sie ihren Mann gegen die Drohungen des Kaisers; die Plünderung wurde eingestellt, das Herzogtum blieb bestehen. Napoleon sagte später, zweihundert Kanonen hätten dieser Frau keine Angst machen können, und 1825 überreichten ihr Goethe und seine Freunde eine Medaille für die Rettung Weimars.
- Wo wohnte Luise in Weimar?
- Im Fürstenhaus neben der Bibliothek, das das Paar im Oktober 1775 bezog, während Anna Amalia ins Wittumspalais wechselte; später im Schloss und nach Carl Augusts Tod 1828 wieder im Fürstenhaus. Ihr Rückzugsort im Alter war das Jagdschloss Marienthal bei Eisenach.
- Was hat Goethe für Herzogin Luise geschrieben?
- Stücke wie „Lila“ und den „Planetentanz“ sowie das Luisenfest im Park; zu ihrem Namenstag 1778 ließ er am Ilmhang das Luisenkloster als Kulisse für ein allegorisches Spiel errichten. Dessen rindenverkleidete Hütte, das Borkenhäuschen, steht bis heute im Park an der Ilm. Die Prinzessin in seinem „Tasso“ trägt ihre Züge.
- Wer waren Luises Kinder?
- Sieben wurden zwischen 1779 und 1792 geboren, drei wurden erwachsen: Carl Friedrich, geboren am 2. Februar 1783, der seinem Vater als Großherzog folgte und Maria Pawlowna heiratete; Caroline Louise, geboren am 18. Juli 1786, gestorben 1816; und Bernhard, geboren am 30. Mai 1792, der bei Waterloo kämpfte. Zu ihren Enkeln gehörten die spätere Kaiserin Augusta und Großherzog Carl Alexander.
- Wo liegt Luise begraben?
- In der Fürstengruft auf dem Historischen Friedhof Weimar, neben Carl August; beigesetzt wurde sie dort am 18. Februar 1830.
Quellen (5)
- Zum 250. Geburtstag von Großherzogin Louise von Sachsen-Weimar-Eisenach am 30. Januar 2007 — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 14. September 2026
- Luise, Herzogin (seit 1775), Großherzogin (seit 1815) von Sachsen-Weimar-Eisenach — Deutsche Biographie (NDB 15, 1987; ADB 52, 1906), abgerufen am 14. September 2026
- Luise von Hessen-Darmstadt (1757–1830) — Wikipedia, abgerufen am 14. September 2026
- Borkenhäuschen im Park an der Ilm — Wikipedia, abgerufen am 14. September 2026
- Begegnung zwischen Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach und Napoleon Bonaparte im Weimarer Schloss — Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, abgerufen am 14. September 2026
Verbundene Orte in Weimar
Burgplatz 4, 99423 Weimar
Hier trat sie am 15. Oktober 1806 und am Morgen danach Napoleon gegenüber, der im Schloss Quartier genommen hatte, und erreichte das Ende der Plünderung.
Park an der Ilm, 99425 Weimar
Das Borkenhäuschen am Ilmhang ist, was vom Luisenkloster blieb, das Goethe 1778 zu ihrem Namenstag errichten ließ.
Historischer Friedhof am Poseckschen Garten, 99423 Weimar
Am 18. Februar 1830 wurde sie in der Gruft neben Carl August beigesetzt.
Historischer Kontext
Die Herzogin des klassischen Hofes von 1775 bis 1828 und nach Anna Amalias Tod 1807 der Mittelpunkt seines literarischen Kreises.
Rund sechzig Jahre lang lag der Mittelpunkt der deutschen Literatur in einem Herzogtum mit ein paar tausend Einwohnern — weil dessen Fürst Schriftsteller einlud und ihnen anschließend Ämter gab. Das ist der ganze Mechanismus, und er lief von Goethes Ankunft 1775 bis zu seinem Tod 1832.
Mehr über diese Epoche →Kurzprofil
1757
1830
deutsch
Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
1783–1853 • Erbprinz • Großherzog
Seine Mutter, deren Liebling er war; bei seiner Geburt am 2. Februar 1783 läuteten in ganz Weimar die Glocken.
1757–1828 • Herzog • Großherzog • Mäzen
Sie heiratete ihn am 3. Oktober 1775 in Karlsruhe und war dreiundfünfzig Jahre seine Herzogin; nach 1806 war sie seine engste politische Vertraute.
1739–1807 • Herzogin • Regentin • Mäzenin • Komponistin
Ihre Schwiegermutter, die 1775 ins Wittumspalais zog, als das junge Paar das Fürstenhaus bezog, und deren Übergewicht bei Hof die Herzogin in den Schatten stellte.
1749–1832 • Dichter • Staatsmann • Naturforscher
Er schrieb ihr „Lila“, den „Planetentanz“ und das Luisenfest, ließ 1778 zu ihrem Namenstag das Luisenkloster bauen und überreichte ihr 1825 die Medaille für die Rettung Weimars.
1744–1803 • Philosoph • Theologe • Dichter
Ihr engster Freund der 1780er Jahre, mit dem sie Shakespeare las und Latein lernte; 1783 taufte er ihren Sohn Carl Friedrich.
1777–1848 • Schauspielerin • Sängerin
Carl Augusts Verhältnis mit der Schauspielerin bestand mit Luises Einverständnis, und die Herzogin kam 1809 zum ersten Ball der frisch geadelten Frau von Heygendorf.
1786–1859 • Großherzogin • Mäzenin
Ihre Schwiegertochter seit 1804, deren russische Verbindungen die Zaren Alexander I. und Nikolaus I. nach Weimar brachten.
In Weimars Geschichte
In Weimars Geschichte
Der Wiener Kongress machte Carl August 1815 zum Großherzog eines vergrößerten Landes; am 5. Mai 1816 gab er ihm die erste Verfassung in Deutschland nach den Befreiungskriegen – mit gewähltem Landtag und voller Pressefreiheit.
Das Dekret, das die Ausarbeitung in Gang setzte, erging an ihrem Geburtstag, dem 30. Januar 1816.