Augustinerkloster
Über diesen Ort
Das Evangelische Augustinerkloster zu Erfurt ist in seiner Vollständigkeit mit Kirche, drei umbauten Höfen, Konvents- und Wirtschaftsgebäuden ein selten gewordenes Beispiel mittelalterlicher Ordensbaukunst.[1] 1277 begannen die Augustiner-Eremiten mit dem Bau, und von 1505 bis 1511 lebte Martin Luther hier als Mönch.[2] Heute ist es evangelischer Gottesdienstort, Tagungs- und Gästehaus und trägt als Luthergedenkstätte und Ort der Demokratiegeschichte das Siegel „Europäisches Kulturerbe“.[3]
Die Augustiner-Eremiten bauen ihr Kloster, 1131–1350
Seit 1131 stand hier die Pfarrkirche St. Philippi und Jacobi. 1266 ließen sich Augustiner-Eremiten in Erfurt nieder, kehrten nach kurzer Vertreibung wegen Streitigkeiten mit dem Rat 1276 zurück und begannen 1277, die baufällige Kirche um- und neu zu bauen; bis 1350 standen Kirche und Konventsgebäude. Unter den Erfurter Bettelordenskirchen ist die Augustinerkirche die älteste und am frühesten vollendete. Ihre Farbglasfenster von 1310 bis 1330 zählen zu den ältesten Erfurts, drei Grabplatten von Augustinergeistlichen im Chor stammen aus den Jahren 1370 bis 1380, und die Außenkanzel an der Nordseite erinnert an Gottesdienste unter freiem Himmel.[2] Die Klosterschule bot ein Studium generale an, und im Löwen- und Papageienfenster des Chores findet sich das Vorbild der Lutherrose.[4]
Novize, Priester und erste Messe, 1505–1507
1505 war Luther an der Erfurter Universität Magister geworden, als das Blitzerlebnis von Stotternheim im Juli desselben Jahres seine Absicht zunichtemachte, die Rechte zu studieren; am 17. Juli 1505 trat er als Novize in das Augustinereremitenkloster ein.[5] Ein Jahr später, 1506, nahm ihn der Orden auf; das Gelübde sprach er in der Augustinerkirche.[3] Die Priesterweihe von 1507 fand vermutlich nicht hier statt, sondern in der Kilianskapelle am Dom,[5] seine erste Messe aber las er am 2. Mai 1507 in der Augustinerkirche. Nach eigenen Worten erlebte er hier seine prägendsten Lebensjahre.[2]
Lektor, Rom und Abschied, 1507–1521
Nach der Weihe studierte Luther zwei Jahre Theologie am Generalstudium seines Ordens im Kloster und war im April 1508 bereits dessen dritter Lektor. Für das Wintersemester 1508/1509 schickte man ihn an die Universität Wittenberg; 1509 kehrte er nach Erfurt zurück, erwarb 1509 und 1510 weitere Grade, reiste 1510/1511 nach Rom, kam im März 1511 zurück und verließ Erfurt im Sommer desselben Jahres endgültig in Richtung Wittenberg.[5] Auf dem Weg zum Reichstag in Worms kam er noch einmal durch Erfurt und predigte am 7. April 1521 unter großem Zulauf in der Kirche des Augustinerklosters.[6]
Reformation, Gymnasium und Waisenhaus, 1522–1846
Die Reformation kam von innen: Johannes Lang, Luthers enger Freund, wurde 1522 Prior, verschaffte der neuen Lehre in Erfurt und im Umland Gehör — und verließ noch im selben Jahr mit vielen seiner Mitbrüder den Konvent. 1525 ging die Kirche an die evangelische Johannesgemeinde, 1556 starb der letzte Mönch, 1559 wurde das Kloster säkularisiert. Ab 1561 nutzte das Evangelische Ratsgymnasium Westflügel und Priorat, bis 1820; 1646 zog die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums ein, ab 1669 das Evangelische Waisenhaus in den Ostflügel. 1821 wurde das Neue Priorat abgerissen, und bis 1846 entstanden Westflügel und Priorat nach Entwürfen Karl Friedrich Schinkels neu.[2]
Das Erfurter Unionsparlament, 1844–1938
1844 war die Kirche so baufällig, dass sie geschlossen wurde; erst eine Bittschrift an König Friedrich Wilhelm IV. brachte Geld aus Berlin. Ab 1848 baute man sie neugotisch um — als Parlamentssaal, denn von März bis Mai 1850 tagte hier das Unionsparlament: zwei Kammern, 91 Abgeordnete im Staatenhaus und 223 im Volkshaus, Otto von Bismarck darunter, die um einen Verfassungsentwurf rangen, den die Fürsten am Ende verwarfen. Wieder für den Gottesdienst umgebaut, wurde die Kirche 1854 neu geweiht, und nach einem Blitzschlag in den Turm 1935 gab ihr der Architekt Theo Kellner den schlichten Charakter des 14. Jahrhunderts zurück.[2]
Der Bibliothekskeller, 25. Februar 1945
Am 25. Februar 1945 hatten sich Erfurter Bürger in die Keller der Waidhäuser und der Bibliothek geflüchtet, als zwei englische Bomben genau diese Gebäude trafen. 267 Menschen starben; aus den Trümmern geborgen wurden ein kleines Mädchen und ein Hund.[2] Die vier mittelalterlichen Chorfenster blieben erhalten, weil man sie in die Dorfkirche Hohenfelden ausgelagert hatte. Ein Ort der Stille im alten Keller des Bibliotheksneubaus erinnert heute mit Namenstafeln an die 267 Toten und bewahrt das Kreuz der Internationalen Nagelkreuzgemeinschaft, das dem Kloster 2008 überreicht wurde.[4]
Predigerschule, Luthergedenkstätte und 1989, 1946–1990
Schon 1946 begann der Wiederaufbau. Nach der Wiederherstellung des Ostflügels zog 1960 die Evangelische Predigerschule aus Wittenberg ein; bis zu ihrer Auflösung 1993 wohnten und studierten hier über 500 junge Menschen.[2] 1980 wurde eine Lutherausstellung eröffnet, und weil das Kloster als eine von vier Luthergedenkstätten der DDR anerkannt war, unterblieben der geplante Abriss des Westflügels und der Bau eines Schwimmbads; 1988 öffnete ein kirchliches Tagungsheim. Am 28. September 1989 kamen fast tausend Menschen zu einem Informationsabend der oppositionellen Sammlungsbewegung Demokratischer Aufbruch in die Kirche, bei dem Pfarrer Edelbert Richter deren Ziele erläuterte.[4]
Bibliothek, Waidhäuser und ein Papstbesuch, 2000–2011
Drei Jahre Sanierung, 2000 bis 2003, machten aus dem Kloster ein Tagungszentrum, und 2004 kam die Anerkennung als Kulturdenkmal von besonderer nationaler Bedeutung. Dann wurden die Lücken von 1945 geschlossen: Im September 2008 eröffneten die Waidhäuser neu, ein moderner Bau mit 17 Gästezimmern, und am 27. August 2010 die neue Bibliothek an der Stelle der zerstörten. Die 60.000 Bände des Evangelischen Ministeriums, eine der großen kirchlichen Sammlungen Deutschlands, blieben, wo sie waren — im früheren Schlafsaal. Am 23. September 2011 besuchte Papst Benedikt XVI. das Kloster.[4]
Frust und Freiheit und das Jubiläum, 2025–2027
Im März 2025 wurde die neue Dauerausstellung „Frust und Freiheit“ eröffnet, kuratiert zusammen mit dem Lutherhaus Eisenach; sie erzählt von Luthers Zeit im Kloster, vom Unionsparlament 1850 und von der Friedlichen Revolution 1989 in Erfurt sowie von der Stadt als Zentrum der Druckkunst im 16. Jahrhundert.[4] 2027 feiert das Kloster sein 750-jähriges Bestehen, von der Eröffnung am 6. Januar in der Augustinerkirche bis zur Festwoche vom 3. bis 12. September, in der das Kloster in Luthers Zeiten zurückversetzt wird.[7]
Besuch, heute
Eine rund einstündige Führung beginnt täglich um 11 Uhr ohne Anmeldung, durch Kreuzgang, Kapitelsaal, Lutherzelle, Klostergarten und die neue Ausstellung; montags bis freitags kann man danach die historische Bibliothek besuchen. Mit dem Audioguide auf Deutsch, Englisch oder Koreanisch, gesprochen von Margot Käßmann, lässt sich das Kloster werktags von 10 bis 16 Uhr, samstags von 11 bis 14 Uhr und sonn- und feiertags von 11 bis 12.30 Uhr erkunden.[8] Gottesdienst ist sonntags um 9.30 Uhr.[9] Im Sommer sind die Gärten mit Lavendel, Rosen und Oleander kleine Ruheinseln mitten in der Stadt.[3]
Was Besucher fragen
- Wann trat Martin Luther in das Augustinerkloster ein?
- Am 17. Juli 1505 als Novize, kurz nach dem Blitzerlebnis von Stotternheim; 1506 legte er sein Gelübde ab.[5][3]
- Wurde Luther im Kloster zum Priester geweiht?
- Die Priesterweihe empfing er 1507 wahrscheinlich in der Kilianskapelle am Dom; seine erste Messe feierte er am 2. Mai 1507 in der Augustinerkirche.[5][2]
- Wie lange lebte Luther im Augustinerkloster?
- Von 1505 bis zum Sommer 1511, unterbrochen durch das Wintersemester 1508/1509 in Wittenberg und die Romreise 1510/1511; danach verließ er Erfurt endgültig in Richtung Wittenberg.[5]
- Was geschah 1850 in der Augustinerkirche?
- Von März bis Mai 1850 tagte hier das Erfurter Unionsparlament und rang um eine Verfassung für ein geeintes Deutschland; Otto von Bismarck gehörte ihm an.[2]
- Kann man das Augustinerkloster besichtigen?
- Ja. Täglich um 11 Uhr beginnt eine Führung ohne Anmeldung, und werktags von 10 bis 16 Uhr, am Wochenende kürzer, gibt es einen Audioguide; der Eintritt kostet 8,50 Euro.[8]
Verbundene Persönlichkeiten
Reformator • Theologe • Prediger
Luther trat am 17. Juli 1505 als Novize ein, legte hier 1506 sein Gelübde ab, feierte 1507 in der Klosterkirche seine erste Messe und gehörte dem Kloster an, bis er Erfurt 1511 in Richtung Wittenberg verließ.
Quellen (9)
- Evangelisches Augustinerkloster zu Erfurt — Evangelisches Augustinerkloster Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Kirche & Kloster — Evangelisches Augustinerkloster Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Evangelisches Augustinerkloster zu Erfurt — Erfurt Tourismus und Marketing GmbH, abgerufen am 13. September 2026
- Augustinerkloster Erfurt — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Martin Luther — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- 1473 – 1618 | Humanismus und Reformation, zweite Blüte um 1600 — Landeshauptstadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Jubiläumsjahr 2027 — Evangelisches Augustinerkloster Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Führungen & Ausstellung — Evangelisches Augustinerkloster Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Dauerausstellung „Frust und Freiheit“ — Evangelisches Augustinerkloster Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Führung oder Audioguide: Erwachsene 8,50 Euro, Hausgäste 7,50 Euro; Kinder ab 12 (Führung) bzw. 6–17 Jahre (Kinder-Audioguide) 4 Euro; Familien zahlen nur für ein Kind. Gruppenführungen nach Anmeldung.
Führung täglich um 11 Uhr (ca. 1 Stunde, ohne Anmeldung). Audioguide: Mo–Fr 10–16 Uhr, Sa 11–14 Uhr, sonn- und feiertags 11–12.30 Uhr. Gottesdienst sonntags 9.30 Uhr.
Augustinerstraße 10, 99084 Erfurt
50.9814, 11.0300
Aus der Geschichte von Erfurt
Historische Orte
Domstufen 1, 99084 Erfurt
Luther, Mönch dieses Klosters, wurde 1507 wahrscheinlich in der Kilianskapelle am Dom zum Priester geweiht, bevor er in der Augustinerkirche seine erste Messe feierte.
Lutherplatz 8, 99817 Eisenach
Das Lutherhaus Eisenach hat die im März 2025 eröffnete Dauerausstellung „Frust und Freiheit“ des Klosters mitkuratiert.
Rund um Weimar
20 km Westlich
Das Kloster der Augustiner-Eremiten, in dem Martin Luther von 1505 bis 1511 als Mönch lebte, eine vollständige mittelalterliche Anlage mit Kirche, drei Höfen, Ausstellung und Gästezimmern.