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Kirche
Erbaut 1278

Severikirche

Severihof 2, 99084 Erfurt
Der Erfurter Domberg vom Domplatz aus: rechts die Severikirche mit ihren drei schlanken, grün gedeckten Turmspitzen über dem Sandsteinturmblock, links der gotische Chor des Doms und dazwischen die breite Treppe

St. Severi neben dem Dom auf dem Domberg, vom Domplatz aus im September 2026.

St. Severi neben dem Dom auf dem Domberg, vom Domplatz aus im September 2026.(Weimar Web)

Über diesen Ort

Wer zum Erfurter Domberg hinaufschaut, sieht zwei Kirchen als eine Silhouette: den Dom und, Wand an Wand mit ihm, die Severikirche — fünfschiffig, was unter den gotischen Hallenkirchen Deutschlands nur wenige von sich sagen können.[1] Ab den 1270er Jahren auf romanischem Grundriss errichtet, zählt sie zu den ersten Hallenkirchen Mitteldeutschlands, und in einem künstlerisch bedeutenden Sarkophag ruhen die Gebeine ihres Patrons Severus von Ravenna.[2] Dazu kommen eine Steinmadonna von 1345 und ein 15 Meter hoher Taufstein von 1467.[3]

St. Paul und die Reliquien des heiligen Severus, 708–935

Bevor St. Severi hier stand, gab es eine Kirche St. Paul — wann und von wem gegründet, weiß niemand, denn die Grabungen nördlich der Kirche fanden 1960/61 keine Spur von ihr; manche führen sie auf Bonifatius zurück, und ein Benediktinerkloster St. Paul soll 708 entstanden sein. Den Namen brachte ein Heiliger von weit her: 836 ließ Erzbischof Otgar von Mainz die Reliquien des Severus von Ravenna nach Erfurt holen, und sie galten so viel, dass das Stift fortan nach ihm hieß; ein Kollegiatstift wird, nach unsicherer Überlieferung, 935 gegründet.[2] Die Stadt Erfurt nennt die Überlieferung eines Benediktiner-Nonnenklosters an dieser Stelle schon 836 und des Kanonikerstifts um 935, und auch die Pfarrei bezeichnet St. Severi als ursprüngliche Kirche eines Benediktinerinnenklosters.[1][4]

Brand und ein zweites Stift auf dem Berg, 1079–1148

Erst 1079/1080 ist wieder von der Severikirche die Rede: Als Heinrich IV. Erfurt eroberte, wurden die Kirchen samt den Menschen, die sich hineingeflüchtet hatten, in Brand gesteckt; das „Hohes Münster“ genannte Gotteshaus wurde abgerissen und kleiner an gleicher Stelle neu gebaut. 1121 wird das Kanonikerstift an St. Severi erstmals urkundlich genannt, ein zweites Kollegiatstift auf dem Domberg neben St. Marien. Vor 1123 ließ Erzbischof Adalbert von Mainz östlich der Kirche eine bischöfliche Residenz errichten, das „Krummhaus“. 1142 brannte es wieder — Kirche und Stift, die Bischofsburg, oben das Peterskloster —, und die ausgebesserte Kirche wurde 1148 neu geweiht. Was damals stand, lässt sich im heutigen Bau noch lesen: eine romanische Basilika mit zwei Querhäusern und zwei Chören, der östliche zwischen zwei Türmen.[2]

Eine fünfschiffige Halle ihrer Zeit voraus, 1238–1370

1238 war ein Neubau geplant, begonnen wurde er aber erst in den 1270er Jahren; die vielen Ablässe, die dafür gewährt wurden, erzählen vom Baufortschritt und verraten, dass hier etwas Besonderes entstehen sollte. Als 1308 der neue Hochaltar geweiht wurde, standen zumindest Chor und östliches Querhaus; 1327 soll das Langhaus, fünf Jahre später die ganze Kirche weitgehend fertig gewesen sein, und um 1370 war die Einwölbung abgeschlossen.[2] Entstanden ist eine vierjochige, fünfschiffige Halle mit Querschiffen im Osten und Westen.[1] Durch ein zweites Seitenschiff auf jeder Seite erhielt die Kirche die volle Breite ihrer Querhäuser, und die Gewölbe scheinen auf den ersten Blick gleich hoch: Auf romanischem Grundriss entstand in hochgotischer Zeit ein Bau, der die spätgotischen Hallenkirchen des 15. Jahrhunderts vorwegnahm.[2]

Kapellen und ein Streit um die Grenze, 1358–1429

Zwischen 1358 und 1363 entstand an der Südseite die eingeschossige Blasiuskapelle. Mit ihren Strebepfeilern griff sie auf das Gelände der Marienkirche über, und in den 1370er und 1380er Jahren stritten die beiden Kapitel darüber und über den Grenzverlauf zwischen den Kirchen, teils auch handgreiflich, bis man sich 1387 gütlich einigte: Die Kapelle sollte umgebaut und die Grenze mit Grenzsteinen markiert werden, was vor 1429 geschah. Die zweigeschossige Marienkapelle an der Nordseite entstand wohl zusammen mit der Kirche und dem Vorbau des Hauptportals, dessen Maria mit Kind aus den Jahren 1360/1370 stammt.[2]

Sarkophag, Madonna und Taufstein, 1345–1467

Im südlichen Seitenschiff steht der Severisarkophag von etwa 1360, ein Hauptwerk der deutschen Bildhauerei des 14. Jahrhunderts: Auf seinen Seitenplatten läuft das Leben des heiligen Severus ab, und seine Deckelplatte dient heute als Altaraufsatz im vorderen Seitenschiff.[1] Laut der Pfarrei sind darin auch Severus’ Frau Vincentia und seine Tochter Innocentia beigesetzt.[4] Die Steinmadonna stammt von 1345.[3] Ein Meisterstück der Handwerkskunst ist der 1467 vollendete Taufstein, dessen Maßwerk fünfzehn Meter aufragt.[1] Ein Alabasterrelief des Erzengels Michael, auf dem Schriftband 1467 datiert und von einem unbekannten Bildhauer geschaffen, hängt seit 1938 an der Südwand des Ostquerhauses.[2]

Nach dem Brand von 1472: Dach, Türme und Glocken, 1472–1510

Der Stadtbrand vom 19. Juni 1472 traf St. Severi schwer: Glockentürme, Glocken, Orgeln, sämtliche Dächer, der Westchor mit dem Kreuzgang und Teile der Gewölbe waren beschädigt oder zerstört. Bis um 1500 waren die Schäden behoben. Das riesige Walmdach über dem ganzen Schiff stammt von 1472/1473, die beiden quadratischen Chorseitentürme wurden neu aufgebaut und erhielten 1495 ihre schlanken Knickhelme, der Helm des erhöhten Mittelturms ist auf 1494 datiert – so entstand die Dreiturmgruppe im Osten. Wo der Westchor gestanden hatte, war 1495 ein zweigeschossiger Anbau mit einer Kreuzkapelle fertig. Im nördlichen Seitenschiff steht seit 1510 der spätgotische Marienaltar, der Saalfelder Schule zugeschrieben: die thronende Gottesmutter, Barbara und Katharina zu ihren Seiten.[2] Unter den Glocken hängt die „Vincentia“, die Gerhard van Wou 1497 zusammen mit der berühmten Gloriosa des Doms goss.[4]

Schweden, Napoleon und Restaurierung, 1633–1995

1633 besetzten schwedische Truppen die Kirche und übergaben sie den Protestanten, die den Innenraum veränderten; 1635 kam sie an die Katholiken zurück, die Änderungen wurden rückgängig gemacht, und in den 1670er Jahren schuf der Holzbildhauer Johann Andreas Gröber den barocken Hochaltar. 1803 wurde das Stift aufgehoben. 1811, zur Zeit von Napoleons „Kaiserlicher Domäne“ Erfurt, wurde die Kirche zum Verkauf auf Abriss ausgeschrieben; es fand sich kein Käufer, und so blieb sie erhalten. 1813/1814 diente sie der französischen Besatzung als Lazarett, vor allem wegen des grassierenden Fleckfiebers. 1834 begann die Restaurierung der Marienkapelle, 1845 die der ganzen Kirche. Luftminen und Beschuss zerstörten 1944/1945 die Dächer und alle Glasfenster; Dach und Innenraum wurden in den 1970er und frühen 1980er Jahren erneuert, der südwestliche Kreuzgang 1993 bis 1995. Die Orgel baute Johannes Klais 1930 in Johann Friedrich Wenders Barockgehäuse von 1714.[2]

Eine Kirche der Innenstadtpfarrei, heute

St. Severi gehört heute zur Innenstadtpfarrei St. Laurentius; sonntags um 9.30 Uhr ist in der Regel Gottesdienst, und wer Stille sucht, findet sie in der Marienkapelle, die 2008 dafür neu gestaltet wurde.[4] Geöffnet ist die Kirche montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr, sonn- und feiertags von 13 bis 18 Uhr; das Dompersonal bietet auch Führungen durch St. Severi an.[5] Der Eintritt ist frei.[3]

Was Besucher fragen

Wann wurde die Severikirche erbaut?
Die heutige fünfschiffige Halle wurde in den 1270er Jahren auf romanischem Grundriss begonnen; 1308 wurde der Hochaltar geweiht, um 1370 war die Einwölbung abgeschlossen. Nach dem Stadtbrand von 1472 entstanden Dach und Dreiturmgruppe im Osten bis 1495 neu.[2]
Was ist an der Architektur der Kirche besonders?
Fünf Schiffe unter einem Dach — das haben unter den gotischen Hallenkirchen Deutschlands nur wenige — und dazu ein früher Beginn: als eine der ersten Hallenkirchen Mitteldeutschlands, in hochgotischer Zeit gebaut, nahm sie die spätgotischen Hallenkirchen des 15. Jahrhunderts vorweg.[1][2]
Wer ruht im Severisarkophag?
Der heilige Severus von Ravenna, dessen Reliquien 836 nach Erfurt kamen; laut der Pfarrei auch seine Frau Vincentia und seine Tochter Innocentia. Der um 1360 entstandene Sarkophag zählt zu den großartigsten Werken der deutschen Plastik des 14. Jahrhunderts.[4][1]
Wie hängt die Severikirche mit dem Dom zusammen?
Beide Kirchen stehen Seite an Seite auf dem Domberg und bilden gemeinsam das Wahrzeichen Erfurts; die Glocke „Vincentia“ der Severikirche goss Gerhard van Wou 1497 zusammen mit der Gloriosa des Doms.[1][4]
Wann ist die Severikirche geöffnet?
Montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr, sonn- und feiertags von 13 bis 18 Uhr; der Eintritt ist frei.[5][3]

Quellen (5)

  1. Severikirche — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  2. Severikirche (Erfurt) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
  3. St. Severi — Erfurt Tourismus und Marketing GmbH, abgerufen am 13. September 2026
  4. St. Severi Kirche — Katholische Innenstadtpfarrei St. Laurentius Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
  5. Öffnungszeiten der Hohen Domkirche St. Marien — Hohe Domkirche St. Marien zu Erfurt, abgerufen am 13. September 2026

Besuchsinformationen

Eintritt

Eintritt frei. Führung durch St. Severi über die Dominformation, 7 Euro pro Person.

Öffnungszeiten

Mo–Sa 10–18 Uhr, sonn- und feiertags 13–18 Uhr.

Lage

Severihof 2, 99084 Erfurt

Offizielle Website

Aus der Geschichte von Erfurt

Historische Orte

Domplatz, Erfurt

St. Severi steht neben dem Dom über dem Platz; seit das Severi-Viertel 1813 zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde, ist der Domplatz so weitläufig.

Domstufen 1, 99084 Erfurt

Ihr Nachbar auf dem Domberg, mit dem sie das Wahrzeichen Erfurts bildet; 1387 legten die beiden Kapitel einen Grenzstreit zwischen den Kirchen bei, und die Severi-Glocke „Vincentia“ wurde 1497 zusammen mit der Gloriosa des Doms gegossen.

Rund um Weimar

Erfurt

20 km Westlich

Eine der beiden Kirchen auf dem Erfurter Domberg, eine fünfschiffige gotische Hallenkirche mit dem Sarkophag des heiligen Severus und einem fünfzehn Meter hohen Taufstein.