Zitadelle Petersberg
Über diesen Ort
Wer auf dem Domplatz steht und den Blick hebt, sieht Bastionen: Der Petersberg trägt die einzige barocke Stadtfestung Mitteleuropas, die weitgehend erhalten blieb, und eine der größten dazu — ein Stern aus Mauern, der zu seiner Zeit als modernste Anlage und als uneinnehmbar galt.[1] Der Mainzer Kurfürst ließ sie ab 1665 als Zwingburg gegen die Stadt errichten, später hielten Preußen und Frankreich sie, und heute beherbergt die rund zwölf Hektar große Kernfestung mit acht Bastionen und etwa zwei Kilometern Mauern Behörden, Wohnungen, das Bundesarbeitsgericht und Orte für Besucher.[2]
Ein Königsberg und ein Benediktinerkloster, 852–1181
Lange vor der Festung war der Petersberg ein Ort der Könige: 852 hielt der ostfränkische König Ludwig der Deutsche hier Hoftag, 936 König Heinrich I. einen Reichstag, auf dem sein Sohn Otto zur Königswahl vorgeschlagen wurde, und 973, 974 und 975 weilte Kaiser Otto II. auf dem Berg. 1060 gründete Erzbischof Siegfried I. von Mainz das Benediktinerkloster St. Peter und Paul, dessen Leben auf dem Petersberg 743 Jahre währte, bis 1803. Am 16. Juni 1147 weihte Erzbischof Heinrich I. von Mainz die Peterskirche, und auf dem Reichstag von 1181 unterwarf sich hier Heinrich der Löwe, Herzog von Bayern und Sachsen, Kaiser Friedrich Barbarossa.[3] Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts tagten im Kloster zahlreiche Reichs- und Hoftage sowie Synoden.[4]
Eine Zwingburg gegen die Stadt, 1648–1665
Die Festung ist das Ergebnis eines verlorenen Streits. Der Westfälische Friede von 1648 gab Erfurt an Kurmainz zurück, doch die Stadt wollte davon nichts wissen, geriet in die Reichsacht und gab erst auf, als 15.000 Mann aus Kurmainz und Frankreich vor ihren Toren standen — von da an regierte der Kurfürst unmittelbar, und Erfurt war Provinzstadt. Damit das so blieb, und als Bollwerk gegen die protestantischen Nachbarn, ließ Kurfürst und Erzbischof Johann Philipp von Schönborn eine Zitadelle auf den Petersberg setzen; der Münsteraner Bischof Christoph Bernhard von Galen hat an den Plänen vermutlich mitgewirkt.[2] Befestigt worden war der Berg schon einmal, als Gustav II. Adolf von Schweden Erfurt 1631 zu seiner Residenz wählte.[3]
Bastionen, Tor und Horchgänge, 1665–1702
Am 1. Juni 1665 wurde der Grundstein der zunächst Citadelle Johann Philippsburg genannten Festung gelegt. Zuerst kam die Seite, die der Stadt zugewandt ist — kein Zufall bei einer Zwingburg: Bis etwa 1669 bauten Erfurter Bauern im Frondienst, angeleitet von italienischen Steinmetzen und dem Ingenieur Wilhelm Schneider, die Bastionen Martin, Philipp, Leonhard und Kilian und das Peterstor mit dem Kommandantenhaus nach einem Entwurf Antonio Petrinis. Unter den Mauern liefen die Horchgänge, Konterminen, in denen Soldaten auf und ab gingen, um bei einer Belagerung feindliche Mineure am Klang zu erkennen. Die Bastionen Johann, Michael, Gabriel und Franz, drei Kasernen und die Ravelins Anselm und Lothar folgten zwischen 1675 und 1700; geschlossen war der Ring 1702, fast vierzig Jahre nach dem ersten Stein, und in den Kasernen lagen 500 bis 800 Mainzer Soldaten.[2]
Welschs Vorwerke und ein teures Jahrhundert, 1707–1802
Als die Schweden im Großen Nordischen Krieg die nördlichen Gebiete des Kurfürstentums bedrohten, holte Mainz den Festungsbaumeister Johann Maximilian von Welsch, der Vorwerke und Gräben nach Vaubans Schule verstärkte: 1708 zwei Lünetten und die Ravelins Wilhelm und Peter, in den Jahren 1725 bis 1728 ein Hornwerk, das der Bastion Gabriel vorgelagert wurde, dazu ein großer Graben mit Palisaden, 1735 ein Wachgebäude und zwei Geschützkasematten, fertig 1737. In den 1770er Jahren dachte man in Mainz der hohen Unterhaltskosten wegen sogar an eine Schleifung, doch der Bayerische Erbfolgekrieg 1778/1779 änderte die Sicht, und die Festung blieb mit notdürftigen Reparaturen in Gebrauch.[2]
Preußen, Napoleon und die Belagerung, 1802–1814
Im Juni 1802 besetzten preußische Truppen Erfurt mit dem Petersberg, im März 1803 wurde das Kloster aufgelöst, um Platz für eine stärkere Besatzung zu schaffen. Als Preußens Heer am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt geschlagen war, retteten sich Teile davon hinter diese Mauern — und ergaben sich schon am nächsten Tag den Franzosen. Napoleon selbst stand zweimal auf dem Berg: am 23. Juni 1807, als er nach Erfurt kam, und während des Fürstenkongresses von 1808, den Zaren Alexander I. an seiner Seite. 1813 richteten sich die Franzosen auf eine Belagerung ein und lagerten Vorräte in der Peterskirche; am 6. November eröffneten österreichische, russische und preußische Batterien das Feuer, und Klostergebäude, Teile der Peterskirche und viele Häuser unterhalb des Berges brannten. Erst am 5. Mai 1814 übergab General d’Alton die Zitadelle friedlich an die Preußen, und seine 1700 Soldaten zogen nach Straßburg ab.[2]
Eine preußische Festung, 1815–1873
Mit dem Wiener Kongress kam Erfurt an Preußen und sollte mit seinen beiden Zitadellen Festung ersten Ranges werden. Zwischen 1823 und 1825 entstanden Geschützkaponnieren, von 1828 bis 1831 auf dem Gelände des zerstörten Klosters die Defensionskaserne.[2] Die Peterskirche wurde 1820 militärisches Proviantmagazin: Man brach ihre Türme ab, trug den Obergaden bis auf die Höhe der Seitenschiffe ab und baute drei Lagerebenen ein.[4] Ein Friedenspulvermagazin von 1822 ist das einzige erhaltene seiner Art in ganz Deutschland. Am 20. Juni 1873 verfügte Kaiser Wilhelm I. die Entfestigung, doch aus Geldmangel wurden nur die Ravelins Peter und Wilhelm, das Hornwerk und die Kavaliere entlang der Mauern abgetragen.[2]
Kasernen, ein Kriegsgericht und ein Denkmal, 1912–1995
1912/1913 entstand die Hornwerkkaserne, und die Defensionskaserne erhielt ein neobarockes Mansarddach, mit dem sie zur weithin sichtbaren Stadtkrone Erfurts gehört. Ab 1940 tagte im Kommandantenhaus das Kriegsgericht 409. ID der Wehrmacht; es verurteilte rund fünfzig Deserteure zum Tode und ließ sie in der Nähe des heutigen Denkmals erschießen. Die Konterminen erhielten zur Stadtseite hin neue Eingänge als Luftschutzräume, und am 12. April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Zitadelle. In der DDR nutzten Polizei und Armee die Kasernen, bis der Petersberg 1963 in städtischen Besitz kam und teilweise öffentlich zugänglich wurde. 1995 schuf der Künstler Thomas Nicolai vor der Bastion Philipp das Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur: acht Stelen, von denen eine aus der Reihe tritt, mit Günter Eichs Worten „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“.[2]
Sanierung und neue Nutzungen, seit 1990
Mit der Wende 1989/1990 richtete die Stadt eine Bauhütte auf dem Petersberg ein und begann, die lange vernachlässigten Anlagen zu sanieren; am Fuß und auf der Krone der Mauern entstand ein Rundweg.[2] Seit 1990 wird die Festung mit viel Liebe zum Detail rekonstruiert.[1] Das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hat seit 1993 seinen Sitz in der Artilleriekaserne, das Bundesarbeitsgericht arbeitet seit 1999 in einem Neubau von Gesine Weinmiller auf dem ehemaligen Hornwerk, und auf dem alten Paradeplatz findet seit 2000 das Petersbergfest statt.[2] Mit rund 550.000 Besuchern im Jahr zählt der Petersberg zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Erfurts, und zur Bundesgartenschau 2021 hat die Stadt Zugang und oberes Plateau neu gestaltet.[5]
Die Peterskirche, 1103 bis heute
Mitten in der Festung steht die alte Klosterkirche St. Peter und Paul, 75 Meter lang, eine romanische Pfeilerbasilika mit drei Schiffen — in Thüringen der erste große Bau nach dem Muster der Hirsauer Reform. Sie entstand zwischen 1103 und 1147, und ihre Osttürme, zur Stadt hin, gehörten jahrhundertelang zusammen mit Dom und Severikirche zur Silhouette Erfurts.[4] Nach jüngeren Erkenntnissen entstand der Großbau ab 1127; zur Bundesgartenschau 2021 standen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten fünf Millionen Euro zur Verfügung, um die Fassaden aus exakt behauenen Quadern zu reinigen und zu konservieren und das Erdgeschoss zugänglich zu machen.[6] Von April bis November zeigt sie die Ausstellung „Paradiesgärten – Gartenparadiese“ zur Gartenkunst Thüringens vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, auch zu den Gärten des Klosters selbst; eine rund neunzigminütige Virtual-Reality-Tour führt zurück auf den Petersberg des Jahres 1181.[7]
Mauern, Aufzug und Ausblick, heute
Die Mauern der Festung sind rund zwei Kilometer lang und 8 bis 23 Meter hoch, und ein kurmainzischer Postenweg mit mannshoher Brüstung und Wacherkern an den Bastionsspitzen führt fast ganz um die Zitadelle herum.[2] Besucher können die neue Ausstellung im Kommandantenhaus und die Horchgänge in den starken Mauern erkunden oder einfach den Ausblick über die Altstadt genießen. Ein Personenaufzug an der Festungsmauer erleichtert den Aufstieg zum oberen Plateau, und der am Domplatz beginnende Panoramaweg führt ohne weitere Hilfsmittel hinauf.[1]
Was Besucher fragen
- Wann wurde die Zitadelle Petersberg erbaut?
- Zwischen 1665 und 1702: Am 1. Juni 1665 wurde der Grundstein gelegt, 1702 schloss sich der Mauerring, und die Vorwerke kamen bis 1737 hinzu.[2]
- Warum wurde die Festung Petersberg gebaut?
- Nachdem sich Erfurt 1648 gegen die Rückkehr unter Kurmainz gewehrt hatte, baute Kurfürst Johann Philipp von Schönborn die Zitadelle als Zwingburg gegen neue Erhebungen der Stadt und als Bollwerk gegen die protestantischen Mächte.[2]
- Was können Besucher heute auf dem Petersberg sehen?
- Die Ausstellung im Kommandantenhaus, die Horchgänge in den Mauern und den Ausblick über die Altstadt;[1] von April bis November zeigt die Peterskirche eine Ausstellung zur Thüringer Gartenkunst.[7]
- Wie kommt man auf den Petersberg?
- Ein Personenaufzug an der Festungsmauer fährt zum oberen Plateau, und der Panoramaweg beginnt am Domplatz.[1]
- War Napoleon auf dem Petersberg?
- Ja. Er kam am 23. Juni 1807 nach Erfurt und besichtigte die Festung damals und während des Fürstenkongresses 1808 in Begleitung von Zar Alexander I.; seine Truppen hielten die Zitadelle bis Mai 1814.[2]
- Was kostet die Ausstellung in der Peterskirche?
- 8 Euro, ermäßigt 4 Euro; ein Kombiticket für Peterskirche und Kommandantenhaus kostet 12 Euro, erhältlich im Besucherzentrum gegenüber, Petersberg 3.[7]
Quellen (7)
- Zitadelle Petersberg — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Zitadelle Petersberg — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Die Geschichte der Citadelle Petersberg — Freunde der Citadelle Petersberg zu Erfurt e. V., abgerufen am 13. September 2026
- Ehemalige Klosterkirche St. Peter und Paul — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Petersberg – ein Projekt der Buga 2021 — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Instandsetzungsarbeiten an der Erfurter Peterskirche — Stadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
- Ausstellung „Paradiesgärten – Gartenparadiese“ — Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, abgerufen am 13. September 2026
Besuchsinformationen
Ausstellung Peterskirche: 8 Euro, ermäßigt 4, Feierabendticket ab 17 Uhr 4 Euro, Familienticket ab 16 Euro; Kombiticket Peterskirche und Kommandantenhaus 12 Euro.
Ausstellung Peterskirche, 1. April–1. November 2026: Dienstag–Sonntag 10–18 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr). Tickets im Besucherzentrum, Petersberg 3.
Petersberg 3, 99084 Erfurt
Aus der Geschichte von Erfurt
Historische Orte
Domplatz, Erfurt
Der Beschuss der Festung Petersberg im November 1813 zerstörte das Viertel auf dem nördlichen Teil des Platzes, der seitdem offen liegt.
In Weimars Geschichte
Vom 27. September bis 14. Oktober 1808 trafen sich Napoleon und Zar Alexander I. mit den Rheinbundfürsten in Erfurt — und am 6. Oktober kam der Kongress nach Weimar.
Während des Erfurter Fürstenkongresses 1808 besichtigte Napoleon in Begleitung von Zar Alexander I. die Festung auf dem Petersberg.
Rund um Weimar
20 km Westlich
Die barocke Zitadelle auf dem Berg über der Altstadt, ab 1665 für den Mainzer Kurfürsten gebaut und seit 1990 saniert, mit der romanischen Peterskirche und dem Blick über die Stadt.