Der Erfurter Fürstenkongress 1808
Vom 27. September bis 14. Oktober 1808 trafen sich Napoleon und Zar Alexander I. mit den Rheinbundfürsten in Erfurt — und am 6. Oktober kam der Kongress nach Weimar.
Als Erfurter Fürstenkongress, auch Erfurter Fürstentag genannt, gilt das Treffen Napoleons mit Zar Alexander I. vom 27. September bis 14. Oktober 1808: gut zwei Wochen mit Empfängen, Ausflügen, Jagden und allabendlichem Theater, zu denen die Fürsten des Rheinbunds zahlreich nach Erfurt kamen.[1] Erfurt und Weimar teilten sich dabei eine Bühne. In der Erfurter Statthalterei empfing Napoleon Goethe, und am 6. Oktober kamen beide Kaiser nach Weimar — zu einer großen Hirschjagd am Ettersberg, zum Gastspiel des Théâtre Français und zum Hofball; an diesem Tag sprach Goethe den Kaiser ein zweites Mal.[2] Wer beide Städte besucht, findet die Schauplätze bis heute: den Kaisersaal und die Statthalterei in Erfurt, die Linden im Wald auf dem Ettersberg über Weimar.
Warum Erfurt, 1806–1808
Am 17. Oktober 1806, einen Tag nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzten die Franzosen Erfurt kampflos; ein Dekret Napoleons erklärte die Stadt am 4. August 1807 zur kaiserlichen Domäne. Hier konnte der Kaiser selbst den Gastgeber geben.[3] Eine solche Bühne brauchte er 1808: Im Juli war seine Armee in Spanien geschlagen worden, bei Bailén, Österreich rüstete, und das Verhältnis zu Alexander war seit dem Frieden von Tilsit 1807 nicht ungetrübt. Also lud Napoleon zum Kongress in die französische Exklave mitten in Thüringen, und weil die Rheinbundfürsten in großer Zahl erschienen, geriet das Treffen zugleich zur Machtdemonstration vor dem Zaren.[1]
27. September bis 14. Oktober 1808: die Bühne Erfurt
Am Vormittag des 27. September 1808 zog Napoleon in Erfurt ein, noch am selben Tag empfing er den Zaren bei Linderbach.[3] Sein Quartier für die ganzen zwei Wochen war der erste Stock der Statthalterei — für die Dauer des Kongresses „Kaiserlicher Palast“ genannt und eigens mit Gobelins, Bronzefiguren und Kronleuchtern aus Paris eingerichtet. Im Renaissanceflügel lag das Arbeitszimmer für die Verhandlungen, im Barockflügel Schlaf-, Warte- und Audienzzimmer. Nach dem Abendessen um 18 Uhr ging es ins Theater im Universitätsballhaus in der Futterstraße.[4] Dort spielte allabendlich die Comédie-Française, von Napoleon eigens herbeordert, mit François-Joseph Talma Tragödien von Corneille, Racine und Voltaire; die Stücke wählte der Kaiser selbst aus. Bei Voltaires „Ödipus“ am 3. Oktober erhob sich Alexander und umarmte Napoleon unter tosendem Beifall.[5] Auch Niccolò Paganini spielte vor den beiden Kaisern.[1]
2. Oktober 1808: Goethe bei Napoleon
Am 29. September holte der Herzog Goethe nach Erfurt. Der Dichter wohnte wie so oft im Geleitshaus, besuchte Aufführungen und war am 1. Oktober beim kaiserlichen Lever, dem Morgenempfang für ausgewählte Gäste.[3] Tags darauf wurde er gegen 11 Uhr zum Kaiser gerufen, der mit Daru und Talleyrand bei Tisch saß.[6] Das Gespräch fand im Erkerzimmer des Barockflügels statt und dauerte eine ganze Stunde.[4] Nach Goethes Darstellung musterte ihn Napoleon aufmerksam und sagte „Vous êtes un homme“ – weiter verbreitet ist die Fassung „Voilà un homme“.[1] Die Rede ging um französisches Theater und Literatur, vor allem um den Werther, den Napoleon, wie Goethe später schrieb, „durch und durch mochte studiert haben“; der Kaiser lud ihn nach Paris ein, dort ein Caesar-Drama zu schreiben, „besser als das von Voltaire“. Seinen Bericht über die Unterredung brachte Goethe erst am 15. Februar 1824 zu Papier.[5]
6. Oktober 1808: die Kaiser in Weimar
Für den Besuch der Monarchen beschloss Herzog Carl August ein Festmahl, einen Hofball und für den ersten Tag eine große Hirschjagd am Ettersberg, für den zweiten eine Jagd auf den Bergen gegen Jena hin.[2] Zur Jagd am 6. Oktober kamen Napoleon, Zar Alexander I., König Friedrich August von Sachsen und viele deutsche und europäische Herzöge, Fürsten und Grafen; auf einer Waldlichtung stand eine festlich geschmückte offene Zelthalle auf 26 Pfosten.[7] Am Abend gastierte auf Napoleons Anordnung das Théâtre Français in Weimar, und Goethe hatte das Gastspiel gemeinsam mit dem französischen Intendanten auszurichten.[2] Auf Jagd und Dinner folgten Voltaires „La mort de César“ und danach der große Ball, zu dem Goethe und Wieland geladen waren.[8] An diesem Tag in Weimar führte Goethe sein zweites Gespräch mit Napoleon.[2]
6. Oktober 1808: Wieland auf dem Ball
Wieland, damals 75, wollte weder bei Hof erscheinen noch auf den Ball gehen. Doch Napoleon hatte ihn im Schauspiel in einer Loge nahe seinem Platz gesehen und fragte zweimal nach ihm; die Herzogin ließ es ihn wissen, schickte den Hofwagen, und Wieland kam, wie er war, in den Tanzsaal – mit Calotte, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln.[8] Der Schweizer Historiker Johannes von Müller stellte ihn dem Kaiser vor, der Wieland den Voltaire Deutschlands nannte.[6] Napoleon sprach mit ihm, als kennten sie sich seit Jahren, und als dem alten Dichter das lange Stehen zu viel wurde, bat er um seine Entlassung, die ihm freundlich gewährt wurde.[8] Noch am selben Abend schrieb Wieland das Gespräch nieder: Ihm sei gewesen, als habe er mit einem Mann aus Bronze gesprochen.[6]
7. Oktober 1808: das Schlachtfeld von Jena
Am Vormittag des 7. Oktober, kurz nach zehn Uhr, fuhren die Kaiser auf den Landgrafenberg bei Jena, wo Napoleon in der Nacht zum 14. Oktober 1806 seinen Schlachtplan entworfen hatte. Auf dem Plateau stand ein kleiner dorischer Tempel, dessen Säulenvorhalle dem Römischen Haus im Weimarer Ilmpark nachgestaltet war; davor erläuterte Napoleon dem Zaren auf einer Karte, die Carl August hielt, den Verlauf der Schlacht. Der Universität Jena bewilligte er eine Donation aus seinem Erfurter Domänenbesitz, der Stadt eine Entschädigung von 300.000 Francs. Dann ritten die Kaiser über das Schlachtfeld, und der Nachmittag gehörte einer Hasenjagd auf dem alten herzoglichen Jagdrevier bei Apolda. Arrangiert hatte die Festszenerie Goethe, dem der Herzog die Aufgabe erst am 30. September übertragen hatte – er selbst blieb an diesem Tag in Weimar.[2]
12. bis 14. Oktober 1808: ein Vertrag und zwei Orden
Am 12. Oktober schlossen die beiden Kaiser einen Bündnisvertrag.[1] Die Erfurter Konvention forderte in vierzehn Artikeln Großbritannien auf, den Krieg gegen Frankreich zu beenden, erkannte die russische Eroberung Finnlands an und verpflichtete Russland zum Beistand im Fall eines Krieges mit Österreich; am 14. Oktober reisten die Kaiser ab, und Erfurt blieb ihre letzte Begegnung.[9] Am 14. Oktober 1808 überreichte Napoleon Goethe und Wieland die Ehrenlegion,[5] ebenso dem Arzt Professor Stark und dem Jenaer Bürgermeister Vogel.[3] Alexander verlieh Goethe den russischen St.-Annen-Orden[2] und zeichnete auch Wieland damit aus.[8]
Was bleibt, 1813 bis heute
1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, zwang ein bei Goethe einquartierter österreichischer General den Dichter, den französischen Orden abzulegen.[10] Auf dem Ettersberg ließ Carl August 1817 für die 26 Pfosten des Jagdzelts 26 Linden pflanzen, und ein schlichter Kalkstein mit der Jahreszahl 1808, der Napoleonstein, erinnert auf der Lichtung an die Prunkjagd.[7] Wer die Kaiserlinden sucht, findet sie auf dem Großen Ettersberg, ein Stück westlich der Ettersberg-Siedlung.[11] In Erfurt trägt das einstige Universitätsballhaus in der Futterstraße seit dem Kaiserbesuch den Beinamen Kaisersaal; 1831 neu gebaut und klassizistisch gefasst, ist es heute ein Kultur- und Kongresszentrum.[12] In der Statthalterei, wo Goethe Napoleon begegnete, sitzt seit 1994 die Thüringer Staatskanzlei.[4]
Was Besucher fragen
- Wann fand der Erfurter Fürstenkongress statt?
- Vom 27. September bis zum 14. Oktober 1808. Napoleon und Zar Alexander I. trafen sich mit den Fürsten des Rheinbunds in Erfurt, damals kaiserlich-französische Domäne;[1][3] am 6. und 7. Oktober führte das Programm nach Weimar und Jena.[2]
- Wo begegnete Goethe Napoleon?
- In der Erfurter Statthalterei, am 2. Oktober 1808 gegen 11 Uhr, im Erkerzimmer des Barockflügels; das Gespräch dauerte etwa eine Stunde.[6][4] Ein zweites folgte am 6. Oktober in Weimar.[2] Heute sitzt in der Statthalterei die Thüringer Staatskanzlei.[4]
- Hat Napoleon wirklich „Voilà un homme“ gesagt?
- Nach Goethes eigener Darstellung lauteten die Worte „Vous êtes un homme“; „Voilà un homme“ ist die weiter verbreitete Fassung.[1] Goethe schrieb seinen Bericht 1824 nieder.[5]
- Was geschah während des Kongresses in Weimar?
- Am 6. Oktober 1808 empfing Herzog Carl August die Kaiser mit einer Jagd am Ettersberg, dem Gastspiel der Pariser Schauspieler, das Goethe mit ausrichtete,[2] einem Dinner, Voltaires „La mort de César“ und einem Hofball, auf dem Napoleon mit Wieland sprach.[8]
- Erhielten Goethe und Wieland die Ehrenlegion?
- Ja. Napoleon verlieh beiden Dichtern am 14. Oktober 1808 den Orden der Ehrenlegion,[5] Alexander I. zeichnete beide mit dem russischen St.-Annen-Orden aus.[2][8]
- Was ist vom Kongress heute noch zu sehen?
- In Erfurt der Kaisersaal in der Futterstraße, in dem die französischen Schauspieler auftraten, und die Statthalterei, in der Napoleon wohnte und Goethe empfing;[4] über Weimar die 26 Kaiserlinden und der Napoleonstein auf der Lichtung der Jagd von 1808 am Ettersberg.[7]
Quellen (12)
- Erfurter Fürstenkongress — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- »… eine wunderbare Aussicht zur Vereinigung deutscher und französischer Vorstellungsarten.« Goethe und Weimar im Rheinbund — Gerhard Müller, Jahrbuch der Klassik Stiftung Weimar 2008, abgerufen am 13. September 2026
- Goethes Audienz bei Napoleon — Erfurt-Lese, abgerufen am 13. September 2026
- Kurmainzische Statthalterei — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Die Franzosen in der Stadt – Fürstenkongress, Napoleon und Goethe (1806–1814) — Literaturland Thüringen (Detlef Ignasiak, Das literarische Thüringen), abgerufen am 13. September 2026
- Erfurt 1808. The Emperor honours German literature — Fondation Napoléon, abgerufen am 13. September 2026
- Napoleonstein auf dem Ettersberg — Weimar-Lese, abgerufen am 13. September 2026
- Napoleon in Weimar — Weimar-Lese, abgerufen am 13. September 2026
- Congress of Erfurt — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Vortrag über die Verbindung zwischen Goethe und Napoleon — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 13. September 2026
- Kaiserlinden (Weimar) — Wikipedia, abgerufen am 13. September 2026
- Kaisersaal Erfurt — Landeshauptstadt Erfurt, abgerufen am 13. September 2026
Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
1749–1832 • Dichter • Staatsmann • Naturforscher
Goethe sprach Napoleon am 2. Oktober 1808 in der Erfurter Statthalterei und am 6. Oktober in Weimar und erhielt am 14. Oktober die Ehrenlegion.
1733–1813 • Schriftsteller • Dichter • Übersetzer
Auf dem Weimarer Hofball vom 6. Oktober 1808 ließ Napoleon Wieland rufen und sprach lange mit ihm; zum Ende des Kongresses erhielt Wieland die Ehrenlegion.
1757–1828 • Herzog • Großherzog • Mäzen
Herzog Carl August empfing die Kaiser am 6. und 7. Oktober 1808 in Weimar und Jena und holte Goethe zum Kongress nach Erfurt.
Historische Orte
Historische Orte
Petersberg 3, 99084 Erfurt
Während des Erfurter Fürstenkongresses 1808 besichtigte Napoleon in Begleitung von Zar Alexander I. die Festung auf dem Petersberg.
Epoche
1775–1832
Der Kongress brachte Napoleon mit Goethe und Wieland zusammen, den beiden großen Dichtern des klassischen Weimar.
Übernachten und essen in der Nähe
Rund um Weimar
20 km Westlich
Erfurt, seit 1807 kaiserlich-französische Domäne, war vom 27. September bis 14. Oktober 1808 Schauplatz des Kongresses, in der Statthalterei und im heutigen Kaisersaal.
19 km Östlich
Am 7. Oktober 1808 zeigte Napoleon dem Zaren vom Landgrafenberg bei Jena aus das Schlachtfeld von 1806, in einer von Goethe arrangierten Festszenerie.
Nordöstlich
Die Hasenjagd vom 7. Oktober 1808 fand auf dem alten herzoglichen Jagdrevier bei Apolda statt.