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Wann: 1958

»Nackt unter Wölfen« und die Entstehung einer Legende

Bruno Apitz' Roman erschien 1958, 1963 folgte der DEFA-Film. Ein Jahrzehnt lang war es danach leichter, Buchenwalds Geschichte über einen Roman zu erzählen, als sie zu erforschen.

Ein Buch füllt ein Schweigen

Als der Roman 1958 in der DDR erschien, füllte er eine Lücke.[1] Das Mahnmal auf dem Ettersberg hatte der offiziellen Geschichte eine verbindliche Symbolik gegeben, Schriftliches war jedoch kaum entstanden: Das Echo der frühen Nachkriegsberichte war verklungen, und Eugen Kogons „Der SS-Staat“ wurde in der DDR nicht verlegt. 1960 erschien mit „Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung“ eine Dokumentation, die es in einem Jahr auf drei Auflagen brachte — an die Wirkung des Romans reichte sie nicht annähernd heran.

„Ja so war es!“

Im Februar 1964 meldete die „BZ am Abend“, das Kind sei gefunden, und rückte kurz darauf auch die „Lagerväter“ ins Licht der Öffentlichkeit.[1] Der Vater, Dr. Zacharias Zweig, soll das Buch nach der ersten Lektüre mit den Worten „Ja so war es!“ beurteilt haben. Der Sonderbericht des Blattes endete unter der Überschrift „Der Roman und die Wirklichkeit“ mit der Behauptung, die Zeugnisse über Stefan Jerzy bestätigten den Roman in vollem Maße, nur Einzelheiten seien dichterisch frei gestaltet.

Was die Bestätigung kostete

Der Historiker der Gedenkstätte, Harry Stein, benennt die Folgen unumwunden:[1] die Fokussierung der Erzählung über das KZ Buchenwald auf die Rettungsgeschichte und die fast völlige Lähmung der Forschung zur Lagergeschichte für etwa ein Jahrzehnt; die Festlegung der Überlebenden auf einen Kanon der Erinnerung, der eng an Apitz' Romanvorlage erzählt wurde; und den Ort der Gedenkstätte, der zur Folie für den Roman wurde, während das Bild des Kindes zur Ikone geriet.

Das Zeugnis, das nicht gehört wurde

Dr. Zweig, der in Israel lebte, beteiligte sich daran nicht. Im Januar 1961 — ehe er vom Roman wusste — hatte er seinen eigenen Bericht auf Polnisch für Yad Vashem diktiert und ihn zeitlebens nicht veröffentlicht.[1] Kurz vor seinem Tod 1972 bat er seinen Sohn, das Dokument eine Generation nach der Niederschrift zugänglich zu machen; ein kleiner Frankfurter Verlag übernahm 1987 die Edition, und sie versank fast unbemerkt. Jahrzehntelang blieb die gekürzte und bearbeitete Fortsetzungsserie „Ein Kind unter Wölfen“ vom Februar 1964 die einzige verbreitete Fassung.

Quellen

  1. "Nackt unter Wölfen" — literarische Fiktion und Realität einer KZ-Gesellschaft — Gedenkstätte Buchenwald (Harry Stein), abgerufen am 29. August 2026

Persönlichkeiten

Persönlichkeiten

Bruno Apitz

1900–1979Schriftsteller • Kommunist • Häftling

Er schrieb den Roman; was die DDR daraus machte, ist eine eigene Geschichte mit eigenem Eintrag.

Historische Orte

Historische Orte

Buchenwald, 99427 Weimar

Jahrelang diente der Ort der Gedenkstätte als Folie für den Roman und nicht umgekehrt.

Epoche

Weimar in der DDR

19451990

Die wirkungsvollste Darstellung Buchenwalds in der DDR war ein Roman — und dahinter wurde die Forschung still.

In Weimars Geschichte

In Weimars Geschichte

Ab Juli 1937 ließ die SS Häftlinge auf dem Ettersberg ein Lager bauen, auf dem bewaldeten Höhenzug über der Stadt. 277.800 Menschen aus über fünfzig Ländern waren dort inhaftiert; 56.000 überlebten es nicht.

Das Lager, für dessen Geschichte der Roman einzustehen begann.

Im Januar 1945 richteten Häftlinge am unteren Ende des Kleinen Lagers einen zweiten Kinderblock ein und hielten die Jungen darin am Leben. Bei der Befreiung befanden sich 904 Kinder und Jugendliche in Buchenwald.

Die Rettung von Kindern im Lager ist belegte Geschichte; der Roman ist das, was die Fiktion daraus machte.

Bis 1958 entstand an der Südseite des Ettersberges eine monumentale Anlage als Nationaldenkmal der DDR — ein Mahnmal für die Toten, das zugleich Tribüne für den Staat war, der es errichtete.

Roman und Mahnmal kommen im selben Jahr — die Symbolik auf dem Berg und die Erzählung im Druck, füreinander gemacht.

Alle Ereignisse der Weimarer Geschichte