Barocke Residenz
Die anderthalb Jahrhunderte zwischen zwei Schlossbränden sind das Weimar, das auf keinem Plakat steht — und es ist das Weimar, das musikalisch wurde. Es beginnt 1618 mit einer ausgebrannten Burg und endet 1774 mit der nächsten; dazwischen schreibt Johann Sebastian Bach in einer Kapelle, die es nicht mehr gibt, den größten Teil seines Orgelwerks.
Aus dem Brand von 1618: die Wilhelmsburg
1618 zerstörte ein Feuer das Renaissanceschloss, vom Jahr darauf an wurde gebaut. Was entstand, war eine barocke Dreiflügelanlage, nach Süden offen, und sie trug den Namen ihres Bauherrn: Wilhelmsburg, nach Herzog Wilhelm IV. Ihre Schlosskirche war 1630 fertig,[1] ein schmaler hoher Raum am stadtseitigen Ende der Anlage, und der Hof nannte sie Himmelsburg. Der Name klingt nach Frömmigkeit und meint die Akustik.
Das Bach-Jahrzehnt, 1708–1717
Bachs erstes Weimarer Engagement war ein halbes Jahr 1703, als Violinist in einer herzoglichen Privatkapelle.[2] 1708 kam er als Hoforganist zurück und blieb fast zehn Jahre. Die Familie wohnte am Markt 16, dort kamen die ersten sechs Kinder zur Welt, darunter Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel. Etwa dreißig Kantaten, Frühfassungen der Brandenburgischen Konzerte und der größte Teil des Orgelwerks — das Orgelbüchlein eingeschlossen — entstanden für und in dieser kleinen Residenzstadt.
Wie der Hof es ihm dankte, 1717
Das Ende war unschön. Als Bach auf seine Entlassung für eine bessere Stelle drängte, ließ Herzog Wilhelm Ernst ihn knapp vier Wochen in der Bastille des Schlosses einsperren und entließ ihn am 2. Dezember 1717 „mit angezeigter Ungnade“.[2] Er ging nach Köthen. Beide Hälften gehören zu dieser Epoche: derselbe Hof, der ihm die Himmelsburg gab, gab ihm auch eine Zelle.
Zwei Herzöge und ihre Bauten, 1651–1728
Wilhelm IV. baute die Residenz wieder auf und stand ab 1651 der Fruchtbringenden Gesellschaft vor, der ersten großen Sprachgesellschaft der Deutschen, die 1617 in eben diesem Schloss gegründet worden war. Wilhelm Ernst, der fünfundvierzig Jahre bis 1728 regierte, ließ die baufällige Jakobskirche 1712/13 abtragen und neu bauen, gründete 1712 ein Waisenhaus und 1726 ein Seminar für Kandidaten der Theologie und errichtete 1706 das Lustschloss Ettersburg. Eine fromme, hart zupackende Verwaltung — und ein Bauprogramm, das dazu passt.
6. Mai 1774: der Brand, der die Epoche beendet
Von der Wilhelmsburg blieben nur Turm und Torbau.[3] Eine Schlosskirche wurde nicht wieder eingerichtet — die Himmelsburg war schlicht verschwunden, die herzogliche Familie ging zur Bestattung fortan in die Stadtkirche, und die Jakobskirche wurde Hofkirche. Mit dem Wiederaufbau des Schlosses begann man erst fünfzehn Jahre später. Ein Jahr nach dem Brand rief der junge Herzog Carl August Goethe nach Weimar — und von dort an beginnt alles, wofür die Stadt heute berühmt ist.
Was Besucher fragen
- Was ist die Epoche der Barocken Residenz?
- Die anderthalb Jahrhunderte zwischen zwei Schlossbränden — 1618 und 1774 —, in denen Weimar seine barocke Residenz, die Wilhelmsburg, errichtete und deren Kapelle die Stadt musikalisch machte.
- Was ist die Wilhelmsburg?
- Die barocke Dreiflügelanlage, ab 1619 errichtet, nachdem ein Feuer 1618 das Renaissanceschloss zerstört hatte, benannt nach ihrem Bauherrn, Herzog Wilhelm IV. Ihre Schlosskirche, die Himmelsburg, war 1630 fertig.[1]
- Welche Verbindung hat Bach zu Weimar?
- Bach war hier ab 1708 fast zehn Jahre lang Hoforganist und schrieb etwa dreißig Kantaten, Frühfassungen der Brandenburgischen Konzerte und einen Großteil seines Orgelwerks, das Orgelbüchlein eingeschlossen.[2] Als er auf seine Entlassung für eine bessere Stelle drängte, ließ Herzog Wilhelm Ernst ihn knapp vier Wochen einsperren und entließ ihn am 2. Dezember 1717 mit angezeigter Ungnade.
- Was beendete die Epoche der Barocken Residenz?
- Ein Feuer am 6. Mai 1774 ließ von der Wilhelmsburg nur Turm und Torbau übrig.[3] Eine Schlosskirche wurde nicht wieder eingerichtet; mit dem Wiederaufbau des Schlosses selbst begann man erst fünfzehn Jahre später, als Goethe bereits angekommen und die klassische Epoche begonnen hatte.
Quellen
- Wilhelmsburg — Bach-Archiv Leipzig, abgerufen am 29. August 2026
- Weimar — Thüringer Bachwochen, abgerufen am 29. August 2026
- Wie Phönix aus der Asche: der Schlossbrand von 1774 — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 29. August 2026
Was geschah
- 1618Der Schlossbrand von 1618
Und eröffnet das barocke: Alles nach 1619 geschieht im neuen Schloss.
- 1717 – 1717-12-02Bach in der Bastille, 1717
Die schärfste Szene der Epoche: Förderung und Strafe aus derselben Hand.
- 1758 – 1775-09-03Anna Amalias Regentschaft, 1758–1775
Das letzte Kapitel des barocken Hofes — und jenes, das die Klassik möglich macht.
- 1774-05-06Der Schlossbrand vom 6. Mai 1774
Das Ereignis, das die Epoche schließt: Danach wird gebaut, und die Klassik beginnt.
Menschen der Epoche
Persönlichkeiten
1688–1748 • Herzog • Bauherr • Jäger
Die zweite Hälfte des barocken Hofes: Jagd, Bauten und ein Herzogtum über seine Verhältnisse.
1662–1728 • Herzog • Mäzen
Fünfundvierzig Jahre barocke Residenz: der Kirchenneubau, das Waisenhaus, das Seminar — und Bach in der Schlosskapelle.
1598–1662 • Herzog • Bauherr • Oberhaupt der Fruchtbringenden Gesellschaft
Er ist der Bauherr der Epoche: die Residenz nach dem Brand von 1618 wieder aufgebaut, ab 1651 die Fruchtbringende Gesellschaft in seiner Hand.
1685–1750 • Komponist • Musiker • Organist
Ab 1708 Hoforganist, ab 1714 Konzertmeister, in der Bastille des Schlosses in Haft und am 2. Dezember 1717 entlassen.
Orte der Epoche
Historische Orte
Am Rollplatz 4, 99423 Weimar
Vom barocken Hof neu gebaut, 1728 Garnisonskirche, 1774 Hofkirche, als die Schlosskapelle verbrannte.
Burgplatz 4, 99423 Weimar
Hier entstand ab 1619 die barocke Wilhelmsburg, die am 6. Mai 1774 niederbrannte; ihre Schlosskirche von 1630, die Himmelsburg, war Bachs Raum und wurde nie wieder aufgebaut.
Herderplatz, 99423 Weimar
Nachdem der Brand von 1774 den Hof ohne Schlosskirche zurückließ, wurde die Stadtkirche zur Begräbnisstätte der herzoglichen Familie.