Reformation und ernestinische Residenz
Ein Jahrhundert lang ist Weimar zuerst eine Stadt der Reformation — und Residenz wird es durch einen Zufall, weil einem Fürsten, der alles andere verloren hatte, dieser Ort blieb. Zurück lassen diese hundert Jahre die Renaissancegiebel am Markt, einen Altar, den die Träger zu den Hauptwerken reformatorischer Bildkunst zählen, und einen Hof, der nicht wieder fortzog.
Luther in der Stadtkirche, 1518–1540
Zwischen 1518 und 1540 predigte Luther in der Stadtkirche,[1] in einem Raum, der kaum zwanzig Jahre fertig war, als er zum ersten Mal ihre Kanzel bestieg. Zwei Jahrzehnte Besuche in einer kleinen Stadt sind kein Abstecher: Dies war ernestinisches Land, und seine Kirche ein Ort, an dem die Reformation nicht bewundert, sondern eingerichtet wurde. Der Lutherschrein von 1572 hängt bis heute dort — drei Tafeln, drei Rollen: der Mönch, der Junker im Versteck, der Magister.
Eine Niederlage macht eine Hauptstadt, 1547–1552
Johann Friedrich der Großmütige führte die protestantischen Fürsten, und er verlor. Der kaiserliche Sieg von 1547 nahm ihm die Kurwürde und Wittenberg dazu; aus der Gefangenschaft entlassen, wählte er 1552 die Stadt, die ihm geblieben war.[2] Von diesem Jahr an saß hier die ernestinische Linie — eine Ackerbürgerstadt mit einem Hof darin, was etwas anderes ist, und worauf jedes spätere Jahrhundert dieser Stadt aufbaut.
Der Maler, der mit dem Hof kam, 1552–1553
Zum Hofstaat, der mitzog, gehörte Lucas Cranach der Ältere, damals achtzig. Er bezog das linke der beiden Renaissancehäuser, die 1547–49 am Markt entstanden waren — das Haus seines Schwiegersohns, des herzoglichen Kanzlers Christian Brück. Er richtete eine Werkstatt ein, nahm im letzten Jahr noch zwei Schüler auf und starb dort im Oktober 1553: ein Hofmaler der Reformation, der sein Leben in der kleinen Stadt beschließt, die beides geerbt hatte.
Der Altar und der Streit um ihn, 1555
Der Flügelaltar in der Stadtkirche wurde 1555 vollendet, als Epitaph für Johann Friedrich: im Mittelbild die Allegorie der Erlösung, auf den Flügeln der Fürst und seine Familie, und zwischen Johannes dem Täufer und Luther das Bildnis des älteren Cranach, gemalt von dessen Sohn. Die Überlieferung schreibt den Beginn dem Vater zu. Das Cranach-Forschungsarchiv datiert die Entstehung auf Mitte 1554 und später und schließt: Entworfen und gemalt hat ihn der Sohn allein — der Vater war 1553 gestorben, vor dem Zeitraum, den das Archiv ansetzt.[3]
Wie das Jahrhundert endet, 1617–1618
1617 gründete sich im Weimarer Schloss die Fruchtbringende Gesellschaft, die erste große Sprachgesellschaft der Deutschen.[2] Ein Jahr später brannte dieses Schloss ab, und aus dem Wiederaufbau ging etwas ganz anderes hervor: eine barocke Residenz mit einer Kapelle, die die Stadt für eine Weile musikalisch berühmt machen sollte. Das Reformationsjahrhundert endet im Feuer — eine so klare Grenze, wie Geschichte sie selten hergibt.
Was Besucher fragen
- Was ist die Reformationsepoche in Weimar?
- Das Jahrhundert zwischen 1518, als Luther erstmals in der Stadtkirche predigte, und 1618, als ein Feuer das Renaissanceschloss zerstörte — das Jahrhundert, in dem Weimar eine Stadt der Reformation und dann, fast zufällig, eine ernestinische Hauptstadt wurde.
- Welche Verbindung hat Luther zu Weimar?
- Luther predigte zwischen 1518 und 1540 in der Stadtkirche;[1] der Lutherschrein von 1572, ein Triptychon mit dem Mönch, dem Junker im Versteck und dem Magister, hängt dort bis heute.
- Warum wurde Weimar Residenzstadt?
- Johann Friedrich der Großmütige führte die protestantischen Fürsten und verlor 1547 die Kurwürde und Wittenberg an den Kaiser; aus der Gefangenschaft entlassen, wählte er 1552 Weimar als Residenz[2] — seither sitzt hier die ernestinische Linie.
- Welche Verbindung besteht zu Lucas Cranach dem Älteren?
- Cranach kam 1552 mit dem abgesetzten Kurfürsten nach Weimar, damals achtzig Jahre alt, und verbrachte sein letztes Jahr am Markt, wo er im Oktober 1553 starb.
- Was ist der Altar in der Stadtkirche?
- Ein Flügelaltar, 1555 als Epitaph für Johann Friedrich vollendet und zu den Hauptwerken reformatorischer Bildkunst gezählt; die Überlieferung schrieb ihn dem älteren Cranach zu, doch das Cranach-Forschungsarchiv weist Entwurf und Ausführung dem Sohn zu, da der Vater bereits 1553 gestorben war.[3]
Quellen
- Weimar — Luther2017, abgerufen am 29. August 2026
- Weimar Chronik kompakt — Stadt Weimar, abgerufen am 29. August 2026
- Epitaphaltar Johann Friedrichs des Großmütigen — Cranach Digital Archive, abgerufen am 29. August 2026
Was geschah
- 1552Weimar wird Residenz, 1552
Das Ereignis, das aus einer Reformationsstadt eine ernestinische Hauptstadt macht.
- 1617-08-24Die Fruchtbringende Gesellschaft wird im Weimarer Schloss gegründet, 1617
Das letzte gut belegte Ereignis des Reformationsjahrhunderts in Weimar, ein Jahr vor dem Brand, der es beendet.
- 1618Der Schlossbrand von 1618
Der Brand schließt das Reformationsjahrhundert ab.
Menschen der Epoche
Persönlichkeiten
1503–1554 • Herzog • Kurfürst
Seine Wahl Weimars 1552 machte aus einer kleinen Stadt die Residenz der ernestinischen Linie — daher hat dieses Jahrhundert seine Form.
1515–1586 • Maler • Grafiker
Maler der Reformation in der Nachfolge des Vaters; der Weimarer Altar von 1555 ist das Bild, das die Bewegung von sich selbst entwarf.
1483–1546 • Reformator • Theologe • Prediger
Die Bewegung, die er mit den Thesen von 1517 auslöste – in der Stadt, deren Fürsten sie schützten.
1472–1553 • Maler • Grafiker
Er kam 1552 mit dem abgesetzten Kurfürsten nach Weimar und verbrachte sein letztes Jahr am Markt, wo er im Oktober 1553 starb.
Orte der Epoche
Historische Orte
Markt 11/12, 99423 Weimar
Das Haus ist das Reformationsjahrhundert in Stein am Markt: das Renaissance-Doppelhaus eines Kanzlers, das den Maler des Kurfürsten aufnahm.
Markt, 99423 Weimar
Die Renaissancehäuser der Ostseite entstanden 1547–49, in den Jahren, in denen sich der ernestinische Hof in Weimar einrichtete.
Herderplatz, 99423 Weimar
Hier predigte Luther zwischen 1518 und 1540; die Kirche birgt den Cranach-Epitaphaltar von 1555 und den Lutherschrein von 1572.
Burgplatz 4, 99423 Weimar
Das Renaissanceschloss Hornstein war die Residenz, die Johann Friedrich 1552 wählte; der Brand von 1618, mit dem diese Zeit endet, zerstörte es.
Platz der Demokratie 1, 99423 Weimar
Das Papier dieses Jahrhunderts liegt hier: Die Ernestiner behielten die Drucke der Reformation in der Familie, und die Bibliothek bewahrt heute knapp drei Viertel aller zeitgenössischen Lutherdrucke.
Übernachten und essen in der Nähe
Rund um Weimar
Nordwestlich
Luthers Durchreise von 1521 stellt Nohra in dasselbe Jahrzehnt, in dem die Reformation Weimars eigene Kanzel erreichte.