Clemens Wenzeslaus Coudray
Biografie
Clemens Wenzeslaus Coudray (1775–1845) ist der Baumeister, der dem klassischen Weimar sein Gesicht gab. In Paris bei Jean-Nicolas Durand ausgebildet und Ende 1815 von Goethe nach Weimar berufen, war er von 1816 bis zu seinem Tod Oberbaudirektor des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach — fast drei Jahrzehnte, in denen er die Fürstengruft mit den Särgen Goethes und Schillers, den Westflügel des Stadtschlosses mit der Schlosskapelle, die Wagenremise am Theaterplatz, die Bürgerschule und die Hauptwache baute, abgebrannte Orte wiederaufbaute, die Bauvorschriften des Landes schrieb und eine Schule für Bauhandwerker gründete. Seine Bauten zeigen einen vornehm-ruhigen Klassizismus, entworfen für ihren Zweck und ihren Ort in der Stadt, und mit Goethe verband ihn Freundschaft: 1832 war er Augenzeuge von dessen letzten Lebensstunden.
Von Ehrenbreitstein nach Paris, 1775–1804
Coudray kam am 23. November 1775 in Ehrenbreitstein zur Welt, in einer Familie französischer Herkunft: Der Vater Franz Ludwig war Hoftapezierer und Dekorateur des Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus, die Mutter Anna Marie Köhler Kammersängerin.[1] Der Kurfürst, dessen Namen der Junge erhielt, war sein Pate und Förderer.[2] Coudray ergriff zunächst den Beruf des Vaters, studierte daneben Baukunst in Leipzig und Dresden, lernte in Berlin die Bauten der Berliner Schule kennen und studierte von 1800 bis 1804 in Paris bei Jean-Nicolas Durand, dem Professor der Baukunst an der École polytechnique, wo er in zwei Jahren zwei Preise gewann; ein Aufenthalt in Italien gab ihm die Anschauung der antiken Baukunst.[1]
Hofarchitekt in Fulda, 1804–1816
Von 1804 bis 1816 war Coudray Hofarchitekt in Fulda, im Dienst des Fürsten von Oranien, und Professor am dortigen Lyceum; das Wilhelmshospital von 1806 bis 1810 ist sein Werk.[2] 1810 heiratete er Veronica Schild aus Fulda; sie hatten fünf Kinder, einen Sohn und vier Töchter, und Marie, eine der Töchter, wurde 1840 die Frau des Malers Bernhard von Neher.[2]
Die Berufung nach Weimar, 1815–1817
Ende 1815 berief Goethe Coudray nach Weimar, und am 20. April 1816 verpflichtete ihn Carl August als Oberbaudirektor.[1] Den Plan für eine selbständige Oberbaubehörde legte er selbst vor; Anfang 1817 wurde sie ins Leben gerufen. Damit begann eine fast drei Jahrzehnte währende Schaffenszeit für das Großherzogtum — und eine Freundschaft mit Goethe, begründet im gemeinsamen Streben.[1]
Schloss, Remise, Schule und Hauptwache, 1820–1838
Coudray gab Weimar ein Gesicht, das seiner damaligen Bedeutung entsprach: Bauten eines vornehm-ruhigen Klassizismus, jeder auf seinen Zweck hin entworfen und zugleich städtebaulich gedacht.[1] Er baute den Westflügel des Stadtschlosses mit der Schlosskapelle (1820–1834), 1823 die großherzogliche Wagenremise am Theaterplatz, in der heute das Haus der Weimarer Republik zu Hause ist, die Bürgerschule von 1822 bis 1825, heute die Musikschule „Johann Nepomuk Hummel“, und die Hauptwache von 1834 bis 1838, heute eine Bibliothek.[2]
Bibliothek, Hofgärtnerhaus, Torhäuser und Brunnen, 1819–1832
1819 gestaltete er das klassizistische Hofgärtnerhaus vom Ende des 18. Jahrhunderts um — das Haus, in das 1869 Franz Liszt einzog.[3] Zwischen 1821 und 1825 baute er den Stadtturm zum Büchermagazin der herzoglichen Bibliothek aus, und der Erweiterungsbau der Bibliothek von 1844 bis 1849 geht auf ihn zurück. Das Torhaus am Frauenplan (1822) und das an der Erfurter Straße (1824), der Goethebrunnen am Frauenplan (1821/22) und der Herderbrunnen auf dem Herderplatz (1832) stammen ebenfalls von ihm.[2]
Die Fürstengruft, 1823–1828
Im Auftrag von Großherzog Carl August errichtete er von 1823 bis 1828 die Fürstengruft auf dem 1818 eingeweihten Friedhof, ein Hauptwerk klassizistischer Architektur in Thüringen. Als das Gewölbe 1824 fertig war, zogen zuerst die Toten der herzoglichen Familie ein — ihre Särge waren beim Brand des Stadtschlosses 1774 gerettet worden; am 16. Dezember 1827 wurden die Friedrich Schiller zugeschriebenen Gebeine umgebettet, und am 26. März 1832 fand Goethe neben diesem Sarg seine letzte Ruhe.[4] Auch die Särge der beiden Dichter entwarf Coudray.[2]
Wiederaufbau, Bauvorschriften und eine Schule für Bauhandwerker, 1816–1829
Sein Wirken reichte über das ganze Großherzogtum: der Neuaufbau abgebrannter Ortschaften wie Berka, Buttstädt und Rastenberg, öffentliche und private Bauten, Wegebau, Denkmalpflege und Festdekorationen.[1] In Berka entstand ab 1816 nach dem Stadtbrand das Ensemble des Marktplatzes mit dem Rathaus, und unter dem Eindruck eines schweren Brandes dort schrieb er 1819 seine erste Bauvorschrift, über das Verfahren beim Wiederaufbau abgebrannter Gebäude im Großherzogtum; wer in die Oberbaubehörde wollte, musste fortan eine Prüfung ablegen — Coudray hatte das durchgesetzt und legte 1823 die Prüfungsordnung dafür vor. 1829 gründete er in Weimar die Freie Gewerkenschule, an der Bauhandwerker abends und sonntags lernten; seit 1859 hieß sie Großherzoglich-Sächsische Baugewerkenschule.[2]
Das Badehaus in Berka, 1825
Das Bade- und Gesellschaftshaus des Kurortes Berka, unter Coudrays Führung im klassizistischen Stil erbaut und am 24. Juni 1825 fertiggestellt, trägt heute als Coudray-Haus seinen Namen. Kurgäste aus Weimar und Umgebung kamen zum Baden und zu den Konzerten im Kurpark, und der Weimarer Hof kam selbst in der kalten Jahreszeit — zu Schlittenfahrt, Eislaufen und Jagd und zu Festen im Ballsaal.[5]
Das Inspektorhaus in Jena, 1825–1827
Einer von Coudrays Aufträgen kam von Goethe selbst. Seit 1817 verbrachte Goethe seine Jenaer Sommer im Inspektorhaus des Botanischen Gartens, und als im September 1825 Carl Augusts fünfzig Dienstjahre anstanden, nahm er das zum Anlass, das alte Haus ersetzen zu lassen. Coudray zeichnete die Pläne; der Bau kam bis auf die Grundmauern herunter und wuchs an derselben Stelle wieder auf, gedreht, sodass er nun nach Osten in den Garten blickte. Im Oktober 1827 kam Goethe, um zu sehen, was sein Architekt daraus gemacht hatte: drei Fachwerkflügel unter gelbem Putz, geschlossen um einen kleinen, fast quadratischen Hof.[6]
Goethes letzte Stunden, 1832
1832 war Coudray Augenzeuge der letzten Lebensstunden Goethes. „Goethe’s drei letzte Lebenstage: die Handschrift eines Augenzeugen“ — unter diesem Titel erschienen seine Aufzeichnungen 1889.[2]
Grab, Straße und Werk, 1845–2013
Am 4. Oktober 1845 starb Coudray in Weimar; sein Grab liegt auf dem Historischen Friedhof an der westlichen Mauer, unter einer Platte, die er selbst entworfen hatte. 1911 erhielt die Coudraystraße seinen Namen, und der Asteroid (27712) Coudray ist nach ihm benannt.[2] Die Klassik Stiftung Weimar bewahrt Entwürfe und Zeichnungen aus seiner Hand, und 2013 legte der Kunsthistoriker Rolf Bothe mit einer Monographie von 638 Seiten und 745 Abbildungen den ersten Blick auf sein Gesamtwerk vor.[7]
Was Besucher fragen
- Wer war Clemens Wenzeslaus Coudray?
- Ein deutscher Architekt des Klassizismus, 1775 in Ehrenbreitstein geboren und in Paris bei Jean-Nicolas Durand ausgebildet, der von 1816 bis zu seinem Tod am 4. Oktober 1845 in Weimar Oberbaudirektor des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach war.
- Was hat Coudray in Weimar gebaut?
- Die Fürstengruft (1823–1828), den Westflügel des Stadtschlosses mit der Schlosskapelle (1820–1834), die Wagenremise am Theaterplatz (1823), die Bürgerschule (1822–1825), die Hauptwache (1834–1838), die Torhäuser am Frauenplan und an der Erfurter Straße, den Goethe- und den Herderbrunnen und 1819 die klassizistische Gestalt des späteren Liszt-Hauses.
- Was verband Coudray mit Goethe?
- Goethe berief ihn Ende 1815 nach Weimar, aus gemeinsamem Streben wurde Freundschaft, und 1832 war Coudray Augenzeuge von Goethes letzten Lebensstunden; seine Aufzeichnungen erschienen 1889. Er baute auch die Fürstengruft, in der Goethe ruht, und entwarf die Särge Goethes und Schillers.
- Wo ist Coudray begraben?
- Auf dem Historischen Friedhof Weimar, unter einer selbst entworfenen Grabplatte an der westlichen Friedhofsmauer — auf demselben Friedhof wie seine Fürstengruft.
- Welche Bauten Coudrays kann man besichtigen?
- Die Fürstengruft und das Liszt-Haus der Klassik Stiftung Weimar sowie die einstige Wagenremise am Theaterplatz, heute Haus der Weimarer Republik.
Quellen (7)
- Coudray, Clemens Wenzeslaus — Deutsche Biographie (NDB 3, 1957; ADB 4, 1876), abgerufen am 12. September 2026
- Clemens Wenzeslaus Coudray — Wikipedia, abgerufen am 12. September 2026
- Liszt-Haus — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 12. September 2026
- Fürstengruft — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 12. September 2026
- Coudray-Haus — Stadt Bad Berka, abgerufen am 12. September 2026
- Goethe im Inspektorhaus des Botanischen Gartens 1817–1830 — Goethe-Laboratorium, Friedrich-Schiller-Universität Jena, abgerufen am 13. September 2026
- Rolf Bothe stellt Monographie zu Clemens Wenzeslaus Coudray vor — Klassik Stiftung Weimar, abgerufen am 12. September 2026
Werke & Leistungen
Fürstengruft, Weimar (1823–1828)
Westflügel und Schlosskapelle des Stadtschlosses, Weimar (1820–1834)
Wagenremise am Theaterplatz, Weimar (1823)
Bürgerschule, Weimar (1822–1825)
Hauptwache, Weimar (1834–1838)
Bade- und Gesellschaftshaus, Bad Berka (1825)
Wilhelmshospital, Fulda (1806–1810)
Verbundene Orte in Weimar
Historischer Friedhof am Poseckschen Garten, 99423 Weimar
Er baute die Gruft von 1823 bis 1828 für Carl August und entwarf die Särge Goethes und Schillers.
Burgplatz 4, 99423 Weimar
Er baute von 1820 bis 1834 den Westflügel des Schlosses mit der Schlosskapelle.
Das Haus hat seinen Sitz in der großherzoglichen Wagenremise am Theaterplatz, die Coudray 1823 errichtete.
Platz der Demokratie 1, 99423 Weimar
Er baute von 1821 bis 1825 den Stadtturm zum Büchermagazin der Bibliothek aus und entwarf ihren Erweiterungsbau von 1844 bis 1849.
Marienstraße 17, 99423 Weimar
Er gestaltete das einstige Hofgärtnerhaus 1819 um, fünfzig Jahre vor Liszts Einzug.
Am Poseckschen Garten, 99423 Weimar
Hier ist er begraben, unter einer selbst entworfenen Grabplatte an der westlichen Friedhofsmauer.
Bad Berka, am Rande des Kurparks
Das Bade- und Gesellschaftshaus, unter seiner Führung am 24. Juni 1825 fertiggestellt, trägt seinen Namen.
Fürstengraben 26, 07743 Jena
Coudray entwarf das neue Inspektorhaus, abgestimmt mit Goethe und 1825–1827 an alter Stelle als dreiflügelige Anlage um einen kleinen Hof errichtet.
Historischer Kontext
Als Oberbaudirektor ab 1816 gab er dem Weimar der späten Goethezeit seine klassizistische Architektur.
Rund sechzig Jahre lang lag der Mittelpunkt der deutschen Literatur in einem Herzogtum mit ein paar tausend Einwohnern — weil dessen Fürst Schriftsteller einlud und ihnen anschließend Ämter gab. Das ist der ganze Mechanismus, und er lief von Goethes Ankunft 1775 bis zu seinem Tod 1832.
Mehr über diese Epoche →Kurzprofil
1775
1845
deutsch
Übernachten und essen in der Nähe
Essen & Trinken
Frauenplan 13, Weimar
Der Brunnen, nach dem das Haus heißt, wurde 1822 nach Coudrays Entwurf in Gusseisen erneuert.
Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
1749–1832 • Dichter • Staatsmann • Naturforscher
Goethe berief ihn Ende 1815 nach Weimar; die beiden wurden Freunde, und 1832 war Coudray Augenzeuge von Goethes letzten Stunden.
1757–1828 • Herzog • Großherzog • Mäzen
Carl August verpflichtete ihn am 20. April 1816 als Oberbaudirektor und gab bei ihm die Fürstengruft in Auftrag.
In Weimars Geschichte
In Weimars Geschichte
Er starb in dem Haus am Frauenplan, das er seit 1782 gemietet hatte; am 26. März wurde er in die Fürstengruft getragen, neben Schiller.
Er war Augenzeuge von Goethes letzten Stunden; seine Aufzeichnungen erschienen 1889.
Rund um Weimar
Südlich
Nach dem Stadtbrand schuf er ab 1816 das Ensemble des Marktplatzes mit dem Rathaus und baute 1825 das Badehaus.